Herzerfrischend: Marion Bradys Reality-Based Learning. Schon bemerkenswert, dass das, was seit dem Humanismus bis Neill und Illich als Schul- und Unterrichtsreform gefordert und auch immer wieder praktiziert wird, auf Englisch aus USA zurückkommt zu uns, die wir Unterricht glauben zu verbessern durch Bildungsstandards, Kompetenzmodelle und Referenzrahmen für jedes Fach, jede Schulform, jeden Jahrgang und sogar für fachunabhängige Performance-Standards, auch wiederum für jedes Schuljahr (Kindergarten nicht vergessen!) und jede Schulform, jetzt auch mit “nachhaltigen Kompetenzen”, wie ich gerade irgendwo gelesen habe. Es entstehen, wenn das alles einmal im Hinblick auf Messbarkeit mit standardisierten Tests á la PISA durchoperationalisiert und sequenziert sein wird, haufenweise Kerncurricula und Lernmatrizen. Dass Unterricht dadurch besser wird, lebensnäher und für Schülern/-innen “nachhaltiger”, darf bezweifelt werden.
In USA ist es viel schlimmer mit der Testeritis, wir sind erst auf dem Weg dahin. Über dem Hype um messbare Kompetenzen und Standards geht verloren, was guter Unterricht und wie gute Lehrer sein sollten. Unterricht besteht in der Folge nur darin, für den Test zu lernen. Das häufige Auftauchen von “Selbstlernzentren” weist in dieselbe Richtung.
Brady setzt den alten pädagogischen Anspruch um, in und an der Realität zu lernen: Hinauszugehen, zu pflanzen, zu bauen, die Stadt zu erkunden, Menschen zu befragen, die Sachen zu untersuchen. “Realbegegnung” sagte man in der vordigitalen Pädagogik dazu. Das Einfache, das schwer zu machen ist.
Oh, Wunder, die Wiesbadener Helene-Lange-Schule, in der auch so gelernt wurde, hat hervorragende, “finnische” PISA-Werte. Die PISA- und Kompetenzforschung ist aber für die einschlägigen Hochschulen, Institute und Firmen arbeitsplatzsichernder und umsatzfördernder als Lehrer/-innen das Handwerk des Unterrichtens in außerschulischen und fächerübergreifenden Projekten beizubringen.

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