Neues von der Testindustrie

Im Staat New York laufen Schulleiter Sturm gegen das neue Verfahren zur Lehrer und Schulleiter-Beurteilung. Die Bezahlung hängt zukünftig vom Beurteilungsergebnis ab. (Siehe Washington Post)

Am umstrittensten: Von 100 erreichbaren Punkten werden 20-40 Punkte von den Testergebnissen der Schüler/-innen bei den standardisierten Leistungstests abhängig gemacht. 24 weitere US-Bundesstaaten praktizieren inzwischen solche Messmethoden (value-added models). Die Obama-Administration empfiehlt die neuen Messmethoden. Nur wer sie anwendet, erhält zukünftig Bundesmittel für die Schulen.

Nun lässt sich unschwer vermuten, dass gute Lehrer ihren Schülern mehr beibringen als schlechte Lehrer. Wissenschaftler haben auch schon herausgefunden, dass es gute und schlechte Lehrer gibt und können die Unterschiede zwischen ihnen messen. Das ist aber nur eine grobe Annäherung an das gewünschte Ergebnis. Zu viele Variable gibt es. Kein Wunder, dass sich die hessische Landesregierung seit einem Jahrzehnt nicht traut, guten Lehren eine Zulage zu geben. Was ist ein guter Lehrer? Wie will man das messen? In USA glaubt man, einen Weg gefunden haben.

Allerdings haben 500 der 568  Schulleiter von Long Island einen Protestbrief unterschrieben. Sie machen darauf aufmerksam, dass die Lehrerevaluation und die standardisierten Schulleistungstests fehlerhaft seien und methodologisch arg umstritten. Von diesen problematischen Zahlen und einem fragwürdigen Untersuchungsdesign bildungspolitische Entscheidung abhängig zu machen, sei falsch.

Sie begründen dies mit Aussagen, die ja nun auch nicht gerade neu oder überraschend sind:

  1. Die empirische Bildungsforschung warne vor der Verwendung dieser Methoden für die Lehrerbeurteilung. Die Messungen der Effizienz von Lehrkräften seien nicht stabil (Gemeint sind wohl Reliabilität und Validität). Jede neue Klasse, jedes neue Schuljahr, jeder neue Test verändere die Ergebnisse der Lehrerleistungsmessung. Zudem gäbe es unterschiedliche Methoden für diese Messungen, die jeweils unterschiedliche Ergebnisse zeitigten. Aus dem Abschneiden von Schülern in den Tests ließe sich keine Aussage zur Unterrichtsqualität des Lehrers destillieren. Die Schülertests mäßen Schülerleistungen. Sie mäßen noch nicht einmal den Lernzuwachs in der Schule, geschweige denn ließen sie sich zur Beurteilung der Lehrerleistung heranziehen. Das wäre so, als ob man das Körpergewicht mit dem Zollstock messen wolle. Sicher ließe sich eine Formel für den Zusammenhang von Gewicht und Länge berechnen, das Ergebnis sei aber mit Sicherheit fehlerbehaftet.
  2. „Teaching to the test“ würde noch schlimmer werden, da jetzt das Lehrereinkommen davon abhängt. Die Neigung, schwache Schüler aus den Tests herauszunehmen und anspruchsvollere Tests (AP, IB) zu schreiben nähme ab.
  3. Der Wettbewerb der Lehrer um „gute“ Klassen nähme zu.
  4. Die Bereitschaft Schüler mit Behinderungen zu integrieren nähme ab.
  5. Da schlecht beurteilte Lehrer und Schulleiter Kurse belegen müssen, flöße viel Geld in Millionenhöhe (120 Dollar pro Tag/Person, 10 Tage z. B. bei Schulleitern) aus den gerade erst gekürzten Schulhaushalten an private Trainer und die Testindustrie.

Die Evaluation von 10 Jahren Messung von Schülerleistungen mit standardisierten Tests hätte außer hohen Kosten wenig gebracht, wie die wissenschaftlichen Befunde zeigten.

Die Schulleiter empfehlen, erst einmal Pilotstudien durchzuführen, anstatt gleich landesweit mit einem unsicheren Verfahren loszulegen. Auch das 100-Punkte-Konto sei zu überdenken. Damit würde man der Komplexität der Lehrerleistung nicht gerecht.

Dass vor der Testindustrie alle gleich sind “beweisen” diese Einzelfälle: Eine als Lehrerin des Jahres ausgezeichnete Kollegin muss zehn Nachhilfestunden nehmen. Ein Schulleiter, desen Schule zu den “Höchstleistern” gehört, muss ebenfalls zehn Stunden Nachschulung belegen. (Washington Post)

Dazu zwei Lesetipps:

The Death and Life of the Great American School System: How Testing and Choice Are Undermining Education von der ehemaligen US-Bildungsstaatsekretärin Diane Ravitch

Standardized Testing: Is it a Blessing or Curse for U.S. Students? Ein aufschlussreicher Artikel in der International Business Times: Anscheinend ist durch das neue Evaluationsdesign für Lehrer beabsichtigt, diese zu motivieren, noch mehr für die Tests zu üben. Eine Leistungssteigerung durch die Tests hat sich nämlich bisher nicht gezeigt. In den internationalen Vergleichsstudien schneiden US-amerikanische Schüler/-innen  kontinuierlich schlechter ab.                                                              Schüler finden, dass das Lernen für die Tests alles andere im Schulalltag verdrängt und sind darüber gar nicht begeistert.

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