Seit einiger Zeit lese ich, dass unser Land von christlich-jüdischer Kultur geprägt wäre. Das ist neu. Bisher war immer nur vom christlichen Abendland die Rede. (Wobei das Christentum, wenn man Bischof Huber und dem Papst Glauben schenkt, gleich auch für Aufklärung und Menschenrechte gesorgt hätte.)
Die Geschichte der Juden in Europa, nicht zuletzt in Deutschland, gibt keinen Anlass für jenes Doppelattribut. Nicht gemeint sind ja wohl bedeutende jüdische Wissenschaftler oder Künstler. Gemeint ist die Religion.
Ein weiteres Beispiel ist noch frischer: Die Linksparteivorsitzende Gesine Lötzsch meint erkannt zu haben, dass Rosa Luxemburg in ihren gesellschaftspolitischen Äußerungen eine Synthese von Kommunismus und Liberalismus zustande gebracht hätte.
Wenn man dialektisch geschult ist, mag das nachvollziehbar sein: Der Sozialismus nimmt all das Gute in sich auf und entwickelt weiter, was von der Menschheit je erdacht wurde.
Für einen unbefangenen Betrachter ist es nicht so glatt nachvollziehbar, dass eine Anhängerin des sowjetischen Rätesystems und Gegnerin des bürgerlichen Parlaments („Kretinismus“) eine Schwäche für den Liberalismus hat. Sie hat Liberale als Andersdenkende noch nicht einmal respektieren, geschweige denn schützen wollen, wie das die Legende behauptet. Das Recht, anders zu denken, galt ihr ausschließlich für die Meinungsbildung in der bolschewistischen Partei und war gegen Lenin gerichtet, der sich einen Unfehlbarkeitsanspruch zugelegt hatte.
In Informationskompetenz geschulte Schüler/-innen werden, befragt nach dem Inhalt des obigen Textes, wohl zu lesen glauben, dass Rosa Luxemburg Kommunismus und Liberalismus zusammengebracht hätte. Mehr Punkte würden Schüler/-innen erhalten, die herauslesen, dass Frau Lötzsch dies von Rosa Luxemburg behauptet.
Wie kriegt man nun Schüler/-innen dazu zu erkennen, dass da etwas behauptet wird, und zu fragen, ob das überhaupt stimmt, was da behauptet wird? Wie kriegt man Schüler/-innen zu einer Fragehaltung?
(So übersetze ich Stufe 1 der AASL-Definition von Informationskompetenz: Erkennen eines Informationsbedarfs. Mit dieser Stufe halten sich die IK-Experten m. W. nicht lange auf.)
Das Thema interessiert mich schon sehr lange. Ein wesentlicher Grund für die Entstehung der LAG Schulbibliotheken in Hessen Ende der 80er waren nämlich Befunde, dass Schüler/-innen schlecht läsen und vor allem nicht mehr verstünden, was sie läsen. Dagegen wollten wir mit den Sachbuchkisten des Projekts „Bibliothek in der Kiste“, mit dem Training von Arbeits- und Lesetechniken und einem Bibliothekscurriculum (d. h. Fachunterricht in der Bibliothek) vorgehen.
Dann aber breitete sich in den hessischen Schulen das Klippert-Fieber aus. Jetzt wurden jahrelang von ganzen Kollegien nur noch Methoden durchgespielt. Die Exotentruppe, die Arbeitstechniken in Schulbibliotheken trainieren wollte, ließ man links liegen.
Später sickerten aus amerikanischen Universitätsbibliotheken (digitale) information literacy-Konzepte in den Schulbereich. In den USA, in der angelsächsischen Welt überhaupt, wurden sie zum zentralen Thema der school library media specialists und teacher librarians.
Ausläufer erreichten auch Deutschland. Dort interessierten sich die Bibliotheks-, Dokumentations- und Informationsspezialisten dafür; zehntausende Schulbibliotheken und –bibliothekare wie in USA gab es ja nicht. Von jenen wird das Thema entweder an die Schulen herangetragen oder die Schulen werden aufgefordert, sich in öffentlichen Bibliotheken informationskompetent machen zu lassen.
Der Kompetenzbegriff bemächtigte sich des Schulwesens. Erste Befunde zeigen, dass Kompetenz wenig mit Wissen zu tun hat und fachunspezifische Schlüsselqualifikationen überschätzt werden. Der Schriftsteller Gerd Loschütz hat 2003 auf einem Schulbibliothekstag den Begriff „Kompetenz“ sehr süffisant seziert.
Kompetenz kann nicht losgelöst vom Fach, von Fachwissen, vermittelt werden. Das ist die Schwäche des Klippert-Konzeptes und des bibliothekarischen Anspruchs, Schüler/-innen in Informationskompetenz zu unterrichten. Fachunterricht und Informationskompetenzvermittlung kann man nicht trennen. Das demonstriert eine Bibliothekswissenschaftlerin am Beispiel des Biologiestudiums:
May, Monika, Fachspezifische Vermittlung von Informationskompetenz in der Universität: Umsetzung und Akzeptanz am Beispiel des Faches Biologie der TU Darmstadt, Berlin : Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, 2008. – 64 S. – (Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft ; 219) ISSN 1438-7662
Wenn Fachwissen wieder ins Spiel kommt, weist das in die richtige Richtung.
In vorinternettischer und vorkompetenzorientierter Unterrichtplanung hätte ein Lehrer wohl zwei Texte vorbereitet: Einmal einen Auszug aus der Rede von Frau Lötzsch und einmal einen Auszug aus Texten von Frau Dr. Luxemburg. Je nach zur Verfügung stehender Unterrichtszeit hätte man auch eine Fallanalyse daraus machen können: Wie berichten Zeitungen darüber? Wo liegen die Interessen von Frau Lötzsch? Was muss man noch wissen, um den Standpunkt von Frau Luxemburg verstehen zu können?
Wenn man ein paar Jahre so hätte arbeiten können! Aber der Stellenwert von politischer Bildung und Geschichtsunterricht, sprich ihr Unterrichtsanteil, ist kontinuierlich gesunken.
Nachtrag: Der Berliner Bibliothekswissenschaftler Dr. Karsten Schuldt greift meine spitzen Bemerkungen zu Wissen, Kompetenz und dem Anspruch der öffentlichen Bibliotheken, letztere in Teilen (Informationskompetenz) zu vermitteln, auf.
In gewohnt gründlicher, breit gefächerter Analyse stellt er die Begriffe in einen bildungstheoretischen Zusammenhang und zeigt auf, dass es bei Wissen und vor allem Qualifikation und Kompetenz im außerwissenschaftlichen Sprachgebrauch heillos durcheinander geht. Der Kompetenzbegriff entstamme der konstruktivistischen Pädagogik und meine eine Disposition des Lernenden, die nicht als Wissen vermittelt werden könne.
Ich kannte einmal eine Studentin, die Linguistik studierte. Sie war entsetzt, als ich ihr berichtete, dass wir in der Schule linguistische Grammatik unterrichteten (Transformationsgrammatik). “Das ist ein Konstrukt der Wissenschaftler. Es geht um Annahmen, Vermutungen, Annäherungen. Wir kapieren das selbst kaum. Und ihr wollt das jetzt Sechstklässlern beibringen?”


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Ich nehme Bezug auf die Ergänzung im Hinblick auf den Aufsatz von Schuldt in seinem Blog: Diese Basedow Zusammenfassung ist mir zu lauwarm. In dem Aufsatz steht schlicht und ergreifend, dass die Bibliotheken Buzzword-Bingo spielen (vgl. http://www.youtube.com/watch?v=d5zRe8wa4pM ). Das lässt den Umkehrschluß zu, dass man seitens der Bibliotheken behauptet, etwas vermitteln zu können, was man selbst nicht versteht. Ergo: ein schwerer Fall von Nestbeschmutzung.
Heute fiel mir erstmals das neue Selbstverständnis des Schuldt’schen Blog auf: “Mit der Zeit habe ich begonnen, hier auch über diese Promotion hinaus den Zusammenhang von Öffentlichen Bibliotheken, Bildung und Gesellschaft zu besprechen und von Zeit zu Zeit andere Themen anzusprechen, die mich in meiner Forschungspraxis interessieren oder die mich im Bibliothekswesen ärgern.” Na denn…
“Christlich-jüdisch” soll doch wahrscheinlich heißen: auf der Grundlage von Neuem und Altem Testament = auf der Grundlage der Bibel. “Christliche” oder gar “biblische” Kultur klänge aber zu fromm, deshalb sagt man “christlich-jüdische Kultur”, dann kann man jede Kritik daran gleich als antisemitisch zurückweisen.
Ich werde mit meinem gelassenen Blick auf Sarrazin ja schon ziemlich angegangen. Jetzt will ich mir nicht auch noch eine völlig falsche Sicht auf Ideologien vorwerfen lassen. Daher ganz kurz:
Die Revolutionärin Luxemburg haut dem Revisionisten Bernstein seine Sympathie mit dem Liberalismus um die Ohren. Das unterschlägt Frau Lötzsch.
Da der Marxismus dialektisch flexibel ist und ähnlich wie der Koran unterschiedlich interpretiert werden kann, gibt es von Friedrich Engels bis Petra Pau auch Sätze, in denen steht, dass die Kommunisten die wahre FDP sind. Andere sind damit gar nicht einverstanden und setzen das Wort “Bürgerrechte” in Anführungszeichen.
Wie wär´s mit einem weiteren Blog, Basedow1764?