Bibliotheken als Kompetenzzentren?

In der taz soll es eine Artikelreihe zu Bibliotheken geben. Heute wurde damit begonnen.

Ich bin im Zwiespalt bei solchen Artikeln. Einerseits sind die öffentlichen Bibliotheken Stiefkinder der Kulturpolitik und ich gönne ihnen Aufmerksamkeit und Zuwendung. Sie haben allerdings auch oft ihre Modernisierung verschlafen. (Man sollte einmal die Loccumer Protokolle 53/91 über den “Kommunikationsort Stadtbibliothek” nachlesen.) Jetzt gerät die Institution durch die digitale Informationsflut ins Wanken.

Andererseits: Die Bibliotheksverbände suchen ihr Heil nicht mehr in der Kulturpolitik, sondern in der Bildungspolitik.

Die meisten Lehrer interessieren sich allerdings nicht dafür, was in bibliothekarischen Fachzeitschriften, Blogs und Pressemitteilungen steht. Sie würden sich wundern, wenn sie läsen, wie man da mit Spiralcurricula und Bibliotheksführungen, Spitzengesprächen zwischen Bibliotheksfunktionären und Bildungsstaatssekretären, Kooperationsverträgen und Bibliotheksgesetzen in den Bildungssektor drängt. Mit dieser Strategie walzen sie die zaghaften Ansätze zu einem pädagogischen Verständnis von Schulbibliothek nieder.

Ich greife zwei längere Zitate aus dem o.a. Artikel heraus (weiter untern, fett gedruckt):

Es ist unbestritten, dass leider immer zuerst bei öffentlichen Bibliotheken gespart wird. Das hat auch bildungsgeschichtliche Gründe. Einen Palast für die Stadtbibliothek haben die New Yorker gebaut. Das deutsche Publikum fährt nach Weimar oder St. Gallen, wenn es eine Palastbibliothek sehen will. Die öffentlichen Bibliotheken erfreuen sich dieser Wertschätzung seltener.

Es ist weiterhin verständlich, wenn Bibliothekare nach einem veränderten Berufsbild in einer digitalen Welt suchen. Nun haben Unternehmensberater und PR-Agenturen den zahlreichen Bibliotheksverbänden in Deutschland geraten: „Rein in die Schule!“ Das ist nicht wörtlich gemeint, sondern die öffentliche Bibliothek bietet sich als „Bildungspartner“ an.

Während die Bildungsforscher noch rätseln, was bei PISA eigentlich gemessen wird und warum, wissen die Bibliotheksfunktionäre schon die Lösung: Gegen schlechtes Abschneiden in Schulleistungsvergleichen hülfe der Bildungspartner Bibliothek. Man muss nicht mehr genauer hinschauen, wie eng Bibliothekssysteme mit Schulunterricht in PISA-Siegerländern korreliert sind. Wenn die Behauptung auf jedem Bibliothekskongress, in Talkshows und jetzt auch in der taz nur oft genug wiederholt wird, glaubt das Publikum am Schluss daran.

Eine weitere Argumentationskette hängt mit Medien- und Informationskompetenz zusammen. Schulen arbeiten an Medienentwicklungsplänen. Ihre Medienausstattung ist, kaum ausgepackt, schon veraltet. Haben die Lehrer gestern noch gelernt, wie man einen 16mm-Film korrekt in den Projektor einlegt, laden sie heute den Videoclip über Schildvulkane auf ihren USB-Stick. Gewiss tun das noch nicht alle, einige hängen noch am Videorecorder und machen einen Bogen um den Beamer.

Das Verständnis für die Nöte öffentlicher Bibliotheken und Bibliothekare schwindet aber angesichts solcher Präpotenz:

“… Dabei stellen Bibliotheken das bereit, was so dringend gebraucht wird: Informations- und Medienkompetenz. Bibliothekare sind längst nicht mehr nur die Wissensverwalter des vordigitalen Zeitalters, sie wissen, wo man welche Information finden kann und wie welche Informationen zu bewerten sind. Ein Wissen, was heute schon früh gefordert wird. So stehen an Deutschlands Schulen schon von der ersten Klasse an Referate und das Gestalten von Themenplakaten auf der Tagesordnung. Dass man heute die nötigen Hintergründe zunächst im Internet sucht, ist eine Selbstverständlichkeit. Aber kaum jemand vermag zu sagen, wie fundiert und sachlich die Informationen sind, die Suchmaschinen wie Google oder Online-Lexika wie Wikipedia auswerfen. Selbst Lehrer geraten bei dieser Frage ins Schleudern. Weil viele Bibliothekare diese Kompetenz besitzen, sind Kooperationen von Bibliotheken und Schulen wichtig.”

Da offenbart sich nicht nur ein Missverständnis darüber, was Schule und Unterricht ausmacht, es ist auch eine maßlose Übertreibung, wenn dem Berufsstand der Bibliothekare Kompetenzen zugesprochen werden, die allenfalls bei einigen wenigen fortgeschrittenen vorhanden sind, und dem Berufsstand der Lehrer auch noch die Eigenschaft des digitalen Deppen der Nation zugesprochen wird. Die Zeiten, in denen Landräte glaubten, populär zu sein, wenn sie Schüler aufforderten, ihren Lehrern den Computer zu erklären, sind vorbei. Man erkannte schnell, dass die so genannte Informationsgesellschaft mehr Kompetenzen erfordert als den Kopierschutz der CD zu knacken oder einen Lehrerwitz auf die Schulhomepage zu stellen. Lassen wir mal die Schule im Dorf: Es gab ein „Offenes Deutsches Schulnetz“, da wusste die Öffentlichkeit noch nicht viel über das Internet. In Hessen hatten Dutzende Schulbibliotheken Jahre vor der Stadtbibliothek Frankfurt/M einen OPAC.

Sollen jetzt Schulklassen etwa in Eberswalde in der Stadtbibliothek Schlange stehen und sich von der Bibliothekarin Filmsprache erklären oder beibringen lassen, wie man einen Fotoroman produziert, wie das mit dem Urheberrecht aussieht und wie man Handys im Englischunterricht sinnvoll einsetzen kann?

Sind die öffentlichen Bibliothekare wirklich die richtige Instanz, allen Schülerinnen und Schülern zu erklären, wie fundiert Google und Wikipedia informieren, wie Internetseiten zu finden sind und wie ihre Qualität zu beurteilen ist?

Da bleiben noch mehr Fragen offen:

  • Haben Bibliothekare überhaupt diese beiden Kompetenzen?
  • Haben Sie darüber hinaus die Kompetenz, diese Kompetenzen zu vermitteln?
  • Gibt es so viele medien-, informations- und unterrichtskompetente Bibliothekare, die Kindern und Jugendlichen dies beibringen können und wollen? Das wäre eine hübsche internetgestützte Rechenaufgabe: Wie viele Schulklassen in Berlin brauchen wie viele kompetente Bibliothekare, um während der Unterrichtszeit wenigstens einmal im Jahr Google erklärt zu bekommen?
  • Da Schulen und Bibliotheken meist zu verschiedenen Gebietskörperschaften gehören: Welcher Bürgermeister oder Stadtkämmerer wäre begeistert, wenn seine Bibliothekarin eine Arbeit verrichtet, die eigentlich vom Kostenträger der Schule bezahlt werden müsste? (Dies ist möglicherweise die Absicht, die hinter diesem Konzept steht: Der Bildungspartner Bibliothek muss aus dem Bildungshaushalt von Landkreis und Land finanziert werden und nicht aus dem Kulturhaushalt der Stadt.)
  • Schaffen sich Bibliothekare nicht allmählich ab, wenn sie Schülerinnen und Schüler zu kleinen Bibliothekaren machen? (Das fragt sich übrigens ein amerikanischer Bibliothekar.)

Bibliothekare und Lehrer müssen anders zusammenfinden.

“Bibliothek und Schule, Schule und Bibliothek gehören zusammen” fasst Frank Simon-Ritz, Direktor der Universitätsbibliothek Weimar und zweiter Vorsitzender des Bibliotheksverbandes zusammen. So wie Universität und Bibliothek. Während niemand auf die Idee käme, diesen Zusammenhang anzuzweifeln, scheint es den lokalen Entscheidungsträgern besonders schwer zu fallen, schulische (Selbst-)Bildung und Bibliotheken zwangsläufig zusammen zu denken.”

Das Problem vieler, oft gut gemeinter Plädoyers für die Zusammenarbeit von Bibliothek und Schule (Bezeichnenderweise immer in dieser Reihenfolge! Die heutige Umkehrung bestätigt die Regel), ist, dass immer nur von der Bibliothek her gedacht wird. Nun sind ja auch „Bildungspartnerschaft“, „Kooperation“ usw. vom Think Tank der Bibliotheken, der Bertelsmann-Stiftung, vorgedacht worden.

Es ist nicht richtig, wenn es heißt, dass es den lokalen Entscheidungsträgern schwer falle, Bibliothek und Schule zusammen zu denken. Im Gegenteil: Kommunalpolitiker hören es gerne, wenn ihnen Bibliotheksfunktionäre raten, statt Schulbibliotheken zu bauen, die Schüler in die öffentliche Bibliothek zu schicken. Ministerpräsidenten schließen reihenweise Kooperationsverträge mit dem Verband der öffentlichen Bibliotheken. Sie verweisen dann auf diese Kooperation, wann sie gefragt werden, wie sie es mit Schulbibliotheken halten.

Das Bild von Universität und Bibliothek, die unzweifelhaft zusammengehören, wird unzulässig verwendet: Die Universitätsbibliothek ist Teil der Universität! Die wissenschaftlichen Bibliothekare arbeiten eng mit den Fakultäten und Fachbereichen zusammen. Sie kennen die Fachliteratur, den neuesten Forschungsstand.

Wie weit ist es verbreitet, dass in schulischen Fachkonferenzen die Bibliothekarin sitzt, dass sie die Lehrer bei der Medienanschaffung berät, dass sie mit dem Geschichtslehrer zusammen das Thema „Mittelalterliche Stadt“ plant und im Team mit ihm im Unterricht interveniert oder selbst unterrichtet? Diese Art der Kooperation haben in der Tat weder die Kommunalpolitiker noch die Funktionäre des Bibliothekswesens im Kopf.

Es ist wieder einmal ein deutscher Sonderweg. Die Schulbibliothek wird nicht als Teil der Schule gesehen. Sie wird nicht als pädagogische Einrichtung gesehen. Sie wird nicht als Lernort für den Fachunterricht gesehen.

Das wird sogar architektonisch augenfällig am Neubau einer Gesamtschule in Hannover. Die Planer reden von pädagogischer Architektur, von Lernlandschaften, Informations- und Begegnungsflächen.

Alle wichtigen Räume und Einrichtungen sind an einer zentralen Verkehrsachse untergebracht, die im Eingangsfoyer beginnt: Aula, Mensa, Caféteria, Computerräume, Freizeitbereich, Schülercafé, Audiovisionszentrum(!). Die Lehrbuchsammlung liegt im Verwaltungstrakt.

Die kombinierte Stadtteil- und Schulbibliothek befindet sich dagegen am Rand der Schule in einem „stadtteilbezogenen“ Komplex mit gemeinsamem separaten Eingang: Theaterpädagogisches Zentrum, Alten- und Jugendzentrum sowie Stadtteilbibliothek. Und auch in diesem Komplex am äußeren Rand.

Preußen hatte in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts einen Rekord zu verzeichnen: In jeder Schule war eine Bücherei. Daran wurde leider nach dem Krieg nicht angeknüpft.

An richtigen Schulbibliotheken interessierte Lehrer und Bibliothekare machen Studienfahrten in Länder mit einem Schulbibliothekswesen, das diesen Namen verdient: Dänemark, Frankreich, Portugal, Südtirol, Österreich und im Großen und Ganzen auch die Schweiz. (Die Aufzählung ist keinesfalls abschließend)

Jedenfalls wäre es toll, wenn die taz eine deutsche New York Times (NYT) werden würde. Meines Wissens gibt es keine Zeitung, die so häufig über Bibliotheken berichtet wie die NYT.

Nachtrag: Meinen Leserbrief hat die taz weder online noch gedruckt veröffentlicht.

4 Gedanken zu “Bibliotheken als Kompetenzzentren?

  1. Interessant ist in diesem Zusammenhang ja auch: http://www.bibliotheksverband.de/fileadmin/user_upload/DBV/vereinbarungen/Rahmenvereinbarung_Berlin.pdf

    Rahmenvereinbarung zwischen der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung (SenBildWiss)
    vertreten durch Herrn Staatssekretär Eckart R, Schlemm
    und dem Landesverband Berlin im Deutschen Bibliotheksverband e, V. (DBV) vertreten durch Herrn Alfred-Mario Molter.

    Dort findet sich auch nichts ueber Schulbibliotheken – wo diese doch ein hervorragenden Mittelpunkt zwischen den oeffentlichen Bibliotheken und den Schulen bilden koennten. Ein Fehler – ein bekannter Fehler

    1. Ist das der Grund, warum der Berliner dbv-Vorsitzende noch bei keinem Berlin-Brandenburger-Schulbibliothekstag begrüßt werden konnte?

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