Man liest mit freudigem Erstaunen das Interview mit Birgit Lücke, der Vorsitzenden der Kommission “Bibliothek und Schule” des Deutschen Bibliotheksverbandes e.V. (dbv). Von dort war man bisher grobe Kost gewöhnt. Ihr Vorgänger, Dr. Ronald Schneider, hat schon mal, je nach Zuhörerkreis, dazu aufgefordert, nicht in Schulbibliotheken zu investieren. Die Kommission heißt ja nicht umsonst “Bibliothek und Schule” und nicht “Schulbibliothek”
Frau Lücke plädiert uneingeschränkt für Schulbibliotheken. Sie sieht kritisch, dass öBs Schulbibliotheken als Konkurrenz begreifen, anstatt zu kooperieren. (Sie muss unbedingt mal nach Potsdam kommen und der SLB und der Landesfachstelle ins Gewissen reden!), dass Bibliotheken überhaupt die Schulbibliothek als Stiefkind behandeln.
Die Schulbibliothek ist für sie ein Teil der Schule: “Eine Schulbibliothek lebt ja in und mit ihrer Schule und muss im schulischen Alltag konzeptionell verankert sein, um Akzeptanz zu finden.”
In der Tat erschwert die bibliotheksfachliche Sichtweise der Schulbibliothek als Sonderform der öffentlichen Bibliothek die Wahrnehmung der Schulbibliothek als integralen Bestandteil von Schule und Unterricht. Auch wenn in derartigen Fällen die Zusammenarbeit mit der Bibliothekarin gut sein mag, bleibt es eine fremde Dienststelle, von der die Schulsekretärin noch nicht einmal die Telefonnummerr kennt.
Das war noch nicht alles. Frau Lücke spricht vom erstrebenswerten Berufsbild des Teacher-Librarian!
Für solche Meinungen wurde man bisher schon mal ausgegrenzt und angemacht. Sollte sich die Wagenburg tatsächlich öffnen?
Dass Frau Lücke auch das IMeNS-Zentrum in Hessen lobt, ist dann eine vergleichsweise lässliche Sünde. Wenn man Preise an die eigenen Leute vergibt, kann man locker von “mehrfach ausgezeichnet” reden. Das ist wie bei den Mineralwasser- und Fruchtsaftherstellern. Die haben firmeneigne Institute, die ihren Produkten die Qualität bescheinigen.
Die Firma Bond hatte bei der Vergabe der Landeslizenz für eine hessische Schulbibliothekssoftware vor bald 20 Jahren immens gepatzt. 1200 Schulen nutzen LITTERAwin. Jetzt hat Bond durch IMeNS wieder einen Fuß in der hessischen Tür.
Wenn nach Jahren der Schließung von SBAs in Hessen endlich einmal eine aufgemacht wird, sollte das eigentlich Anlass zur Freude sein. Die fällt bei dem unkooperativen Vorgehen etwas schwer. Dass IMeNS auf Tagungen der Fa. Bond und des dbv aber so hoch gehängt wird, sieht dann doch wieder nach Wagenburg aus.
Wie wär´s mit einer Auszeichnung für diese SBA?
Das Interview bei Goethe-online
Zu hoffen ist, dass das Interview auch bei Goethe selbst aufmerksam gelesen wird. Das Institut trägt intensiv dazu bei, dass in der Welt auch das deutsche Bibliothekswesen wahrgenommen wird. Das ist ja nicht von vornherein schlecht. Manchmal schießt man dabei über das Ziel hinaus:
So war 2009 eine Gruppe von US-Bibliotheksprofessorinnen und -professoren auf Einladung des Instituts in Deutschland unterwegs. Prof. Nancy Everhart u. a. studierten die Ausbildung deutscher Schulbibliothekarinnen(!). Frau Everhart publizierte im IFLA-Newsletter einen Bericht über Schulbibliotheken in D. Sie wundert sich, dass sie an der FH Potsdam Studentinnen mit dem Schwerpunkt Schulbibliothek kennenlernt, die nie eine Schulbibliothek erlebt haben.
Man erzählt ihr die Geschichte von den 15%. Eine rein schulische Schulbibliothek bekam sie nicht zu Gesicht, aber den Geschichtenerzähler in der Stuttgarter öB.
Erst am letzten Tag ihrer Studienreise, so schreibt sie, habe jemand darüber geredet, ob man nicht Pädagogik in die deutsche Schbulbibliothekarsausbildung aufnehmen sollte.


Es ist gut, dass die Kommission nicht mehr von Hardlinern dominiert wird. Es ist gut, dass die neuen Mitglieder aufgeschlossener und guten Willens sind.
Möglich, dass die Kommission innerverbandlich die Einstellung zu Schulbibliotheken beeinflussen kann. Das wäre ja nicht wenig.
Das Hauptproblem liegt aber woanders. Wenn sich der ADAC zu Straßenbau, die Atomlobby zu Energiefragen äußert, kann man das einordnen. Wenn bibliotheksfachliche Tagungen mit dem Motto “Rein in die Schule!“veranstaltet werden, auch.
Die Kommission ist Teil dieser Bibliothekslobby, auch wenn da immer ein Lehrer als Alibifigur dabeisein darf. Von ihr wesentliche Impulse zu erwarten, heißt, ihre Funktion misszuverstehen. Man muss nur das Papier von 2005 lesen.
Was nötig wäre, ist eine unabhängige Expertenkommission, von den Kultusministerien oder sogar Ministerpräsidenten einberufene Arbeitsgruppe wie in Groß-Britannien und Australien, mindestens eine Kommission wie sie Rheinland-Pfalz hat.
Eine Arbeitsgruppe, die zu 80% aus Diplom-Bibliothekaren besteht, kann diese Arbeit nicht leisten, bei allem Respekt vor der fachlichen Kompetenz und der persönlichen Integrität. Sie wird nicht als unabhängige Instanz wahrgenommen.
Man kann Lehrern, die sich mehrheitlich für Schulbibliotheken überhaupt nicht interessieren, nicht mit Schlachtrufen wie “Rein in die Schule!”, Spiralcurricula, Informationskompetenzcurricula, Vor- und Nachbereitung von Rallyes in öffentlichen Bibliotheken kommen und Internetführerscheine verlangen, bevor sie auf die Datenbanken der Serverfarm des bibliotheksfachlichen Medienverbunds zugreifen dürfen.
Solange die Landesregierungen, die Schulaufsicht, Lehrerausbildung und Erziehungswissenschaft nicht mit am Tisch sitzen, kann man sich die (bisher nicht sehr aufregende) Papierproduktion sparen.
Wir können als LAG Schulbibliotheken in Hessen ein Lied davon singen: Wir hatten eine ministerielle Kommission bewirkt, die ein Konzept erarbeiten sollte. Die in der Kommission dominierenden Bibliothekare nutzten ihre vermeintliche Chance und legten ein personell völlig überzogenes Konzept vor, das sofort archiviert wurde. Die LAG konnte anschließend eine Zeitlang eine mobile Beratungseinrichtung erreichen, später die Beratungseinrichtung “Projektbüro Schulbibliotheken und Leseförderung”.
Dass im hessischen “Forum Schulbibliothek”, einem durch den Kooperationsvertrag Land-dbv entstandenen Gremium, das dreimal im Jahr tagt, neben einem halben Dutzend Dipl.-Bibiothekaren auch zwei Lehrer als Vertreter kultusministerieller Schulbibliothekseinrichtungen sitzen, ist nachträglich in den Vertragsentwurf hineingeschrieben worden. Als eine allererste Maßnahme hat das Forum versucht, die Arbeit des Projektbüros einzuschränken.
In der KMK war die LAG bis auf die Leitungsebene mit dem Vorschlag einer Schulbibliothekskommission (als Nachfolge für geschlossene dbi-Beratungsstelle und ihre Kommission) gekommen. Der damalige Präsident interessierte sich leider mehr für Fußball als für Schulbibliotheken und kippte die Vorlage.
Die jüngere Geschichte des deutschen Schulbibliothekswesens zeigt deutlich, wie vertrackt die Situation schon immer war. Die Schaffung der Beratungsstelle für Schulbibliotheken, eine Idee des Frankfurter Deutschdidaktikers und Gründer des Instituts für Jugendbuchforschung, Prof. Doderer, war von Anfang an mit Skepsis betrachtet worden. Sie verschwand erst im Deutschen Bibliotheksinstitut und dann mit diesem.
Ähnlich wie in Deutschland haben auch in Schweden die Bibliotheksverbände die Schulen entdeckt und empfehlen sich als Partner. Während in Deutschland die Verbände aber schon mal deutlich sagen, wo sie den Schwerpunkt sehen, nämlich bei den öBs., heißt es in Schweden “Ein Kind – zwei Bibliotheken”.
Hier noch der Hinweis auf den Blog von Andreas Müller – noch ein Kommissionsmitglied – der darauf hofft, dass nunmehr den Worten Taten folgen:
http://www.infokompetenz.de/node/326
Da freue ich mich doch schon auf ausgiebige Annäherungen im Rahmen des 2. Schleswig-Holsteinischen Schulbibliothekstages im November, bei dem Basedow und Dr. Müller referieren. Dann vergesse ich auch, dass wir 2009 der Kommission noch nicht einmal eine Antwort wert gewesen sind
Ist das Treffen nicht am 9.11., dem Schicksalstag der Deutschen?