Todesanzeige für Gerold Becker: Hentig zitiert Goethe

“Die Feinde, die bedrohen dich. Das mehrt von Tag zu Tage dich. Wie dir doch gar nicht graut!” Das seh´ ich alles unbewegt, Sie zerren an der Schlangenhaut, Die längst ich abgelegt. Und ist die nächste reif genug. Abstreif´ich die sogleich, Und wandle neu belebt und jung Im frischen Götterreich.

Mit diesem Spruch aus den Zahmen Xenien Goethes ehrt Hartmut von Hentig seinen Lebensgefährten Gerold Becker, der gerade gestorben ist, in einer Todesanzeige in der FAZ vom 12.7.10. (Ergänzung: In der FAS v. 18.7.10 vermutete eine ehemaliger Becker-Schüler, dass der verstorbene Pädagoge das Gedicht selbst ausgewählt haben könnte. Es sähe ihm ähnlich, der sich selbst auch als Titan gesehen habe.)

Nicht immer einvernehmlicher Sex mit Knaben als Lebensabschnittsaktivität, abgestreift, unbewegt, neu belebt. Die Knaben waren schuld, sagt Hentig in einem Interview. Drei Strophen später heißt es bei Goethe übrigens: “Dürftet ihr den Guten schelten, der mit seiner Zeit gesündigt?”

Nachtrag: Auf dem Gelände der Odenwaldschule hat eine Künstlergruppe, so berichtet der Spiegel 29/2010, einen Grabstein gesetzt mit der Inschrift: “Ich sterbe mich aus der Verantwortung”.

Update 19.12.10: Wie Zeitungen berichten, habe von Hentig geraten, die Sache auszusitzen. Nach vier Jahren wäre alles vergessen.

Enja Riegel, ehemalige Leiterin der Wiesbadener Helene-Lange-Schule und mit Becker und dem dem pädophilen Lehrer Hajo Weber an ihrer Schule befreundet, beteuert in Gegendarstellungen, “vollkommen unschuldig” zu sein.

Ich habe in 90ern, zum Fußvolk im damaligen Bildungsplanungsinstitut zählend, in das Becker zur gleichen Zeit verbannt worden war, diese Truppe,  Becker, Weber, Riegel, ihre Freund/innen im Institut und im Ministerium, bewundert. Sie waren die Halbgötter der Pädagogik. So gaben sie sich auch. Sie waren die wahren Intellektuellen, die das Wissen hatten. Zwar haben sie sich dem linkssozialdemokratischen Spektrum zugeordnet. aber dem Rest der Welt überlegen fühlten sie sich schon und gaben das unüberhör- und -sehbar auch zu verstehen.

Manches daran erinnert mich an die untergegangene DDR und ihre Führung. Hentigs Unfähigkeit zur Selbstkritik, sein Trotz, erinnern mich an Mielkes ehrlich hilfloses “Ich liebe euch doch alle!” in der Volkskammer.

Was mich immer wunderte war, dass dieser hochverehrte Gerold Becker so bedrückt durch die Gänge schlich, keinen Gruß erwidernd. Naja, dachte ich damals, er ist mit Nachdenken über die Zukunft des hessischen Schulwesens beschäftigt und kommt sicher gerade vom Gespräch mit anderen großartigen Intellektuellen. Warum sollte er da einen kleinen Lehrer, der ihm auf dem Flur entgegenkommt, grüßen?

Update 9.8.11: Sehr gelobt wird eine Dokumentation von Luzia Schmid und Regina Schilling: Geschlossene Gesellschaft – Der Missbrauch an der Odenwaldschule, ARD, Sendung am 9.8.11, 22.45 Uhr. Steht nicht in der ARD-Mediathek.

Update 29.8.11: Der Ex- Odenwaldlehrer Salman Ansari findet, dass man unter Reformpädagogen zu schnell zur Tagesordnung übergeht, in Spiegel online.

Update 28.10.11: Hentig erhielt 1994 den Comenius-Preis, einen hoch angesehenen Preis der Comenius-Stiftung. Ihn haben u. a. Hildegard Hamm-Brücher, Sir Simon Rattle und Bischof Huber erhalten. Die Stiftung hatte an ihren Preisträger Hentig Fragen im Zusammenhang mit den Untaten seines Lebensgefährten Gerold Becker. Hentig hatte seine Preissumme von 20000 DM auf die Odenwaldschule und die Wiesbadener Helene-Lange-Schule aufgteilt. An der HeLa ging Becker als väterlicher Freund aus und ein.  Ein Musiklehrer der  Schule machte pornographische Fotos von seinen Schülern.

Hentig hat bisher auf die Fragen nicht geantwortet. Der Stiftungsvorstand wirft ihm verschweigen, vertuschen und verharmlosen vor. Sie erkennt ihm nun den Preis ab. Die bronzene Statuette darf er behalten. Die Preissumme möge er dem Opferfonds der Odenwaldschule zur Verfügung stellen.

Update 23.3.13: Einem Artikel des New Yorker ist zu entnehmen, dass es solche Praktiken auch in den USA gsab. Erzählt wird ein Fall aus einer New Yorker Jungenschule in den 70ern.

3 Gedanken zu “Todesanzeige für Gerold Becker: Hentig zitiert Goethe

  1. ich habe keinen sonstigen irgendwiegearteten kontakt zu der odenwandschule oder becker, aber man muss hoffen, dass es keine hölle gibt für menschen, wie ihn..
    weber

  2. Das ist wohl das Ekelhafteste, was ich in der letzten Zeit gelesen habe. Bei einer solchen Missachtung der Opfer wird mir übel! Sollte Becker irgendwo wandeln, dann wohl definitiv im Untergeschoss. Und die FAZ ist der Prostitution anheim gefallen. Was drucken sie nicht gegen Geld?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s