Warum trägt Brandenburg die rote Laterne?

Warum Brandenburg Schlusslicht des neuesten Schulleistungsvergleichs ist, scheint rätselhaft zu sein. Jedenfalls greifen die gängigen Erklärungsmuster wenig.

Das Land hat, anders als die ebenfalls schwachen Stadtstaaten, sehr wenig Migranten (5,2%; Stadtstaaten bis 41%). Und es sind vor allem Kinder russischer Juden oder katholischer Vietnamesen. Brandenburg rühmte sich zwischendurch, die höchste Abiturquote bei Jugendlichen mit „Migrationshintergrund“ zu haben. Das ist weniger das Verdienst brandenburgischer Bildungspolitik als das der Eltern der genannten Jugendlichen. Die sorgen mehr als andere Migrantengruppen dafür, dass ihre Kinder in der Schule erfolgreich sind.

Brandenburg produziert nicht doppelt so viele Sonderschüler wie der Bundesdurchschnitt, wie das Sachsen tut . Die werden nicht getestet und tragen so zum guten Abschneiden bei den Vergleichstests bei.

Brandenburg testet, evaluiert und prüft zentral. Das scheint nichts zu nützen. Denn schon vor 10 Jahren, bei PISA 2000, war Brandenburg nicht besser.

Die Landtagsopposition hält den Unterrichtsausfall für gravierend. Das wäre zu überprüfen. Die Bildungsforscher rechnen ja 30-40 Punkte Unterschied in ein Schuljahr um. Und ein Schuljahr von der Schule zu vertretender Unterrichtsausfall kommt in einem Schülerleben schnell zusammen.

Dass die Ratschläge und Broschüren der Lehrerfortbildung noch nicht überall Eingang in den Schulalltag gefunden haben, ist kein Alleinstellungsmerkmal für Brandenburg. Aber genauer hinsehen sollte man schon, ob es Unterschiede in der Lehrer/innenfortbildung der Bundesländer gibt. (Das Lesecurriculum ist gar nicht so schlecht!)

Als Sachsen bei der PISA-E-Studie so fulminant abschnitt, behauptete der amtierende Kultusminister, das seien die Auswirkungen der soliden DDR-Lehrerausbildung. Dass kann nicht stimmen, denn dann müssten alle Ostländer, Brandenburg voran, von Anfang an an der Spitze gestanden haben. Interessanterweise hat der sächsische Schulreformer der ersten Stunde, der legendäre Wolfgang Nowak, das Gegenteil behauptet. Er hätte für Entlassungen der belasteten Kader gesorgt.

In Brandenburg ist die DDR lebendiger als in den anderen ostdeutschen Bundesländern. Vielleicht ist das sogar der Hauptgrund für die PISA-Misere des Landes. Die Veränderungen, die die brandenburgische Bildungsministerin Marianne Birthler nach der „Wende“ herbeiführte, sind bis heute umstritten. Für Manche hat sie zu schnell, und dann auch noch inkonsistent, das Schulsystem Nordrhein-Westfalens dem Land überstülpen wollen. Der Widerstand bei GEW und PDS war heftig. Bis heute sind Schulstruktur und Schulschließungen ein dominierendes Thema: Bleibt die Schule Oberschule, wird sie Gesamtschule oder Gymnasium, vielleicht gar geschlossen? Das sind in manchen Schulen vorherrschende Themen. Es gibt Vermutungen, dass der Erfolg der Südländer auch in einer stabilen Schulstruktur gründet, egal ob drei- oder zweigliedrig.

(Nachtrag 13.10.10: Der Brandenburger Bildungsminister gibt einer leider nicht sehr kritisch nachfragenden Journalistin der Märkischen Allgemeinen eine originelle Antwort: Man hätte aus NRW das Konzept übernommen “Schule müsse in erster Linie Spaß machen“. Sachsen dagegen hätte sich aus NRW und anderen Westländern das Beste herausgesucht und an erfolgreichen Strukturen der DDR-Schule festgehalten.)

Zu untersuchen wäre auch der demographische Faktor: Brandenburg ist ein agrarisch geprägtes Land. Sachsen und Thüringen sind Länder mit langer industrieller Tradition, Generationen gut ausgebildeter Meister und Ingenieure gehören dazu. Die Kommunisten haben dafür gesorgt, dass die Selbstständigen, die Unternehmer, die gut Ausgebildeten geflüchtet sind. Die Abwanderung aus Brandenburg hält an. Wer geht weg? Doch eher die gut Ausgebildeten, die Mobileren, die Wagemutigeren; bei allem Respekt vor denen, die in Brandenburg ihre beruflichen und unternehmerischen Chancen nach der “Wende” wahrgenommen haben.

Aber man ist auf dem richtigen Weg: Bildungsstaatssekretär Jungkamp empfahl laut Zeitung, in Klasse 3 und 4 „lockere, gut geschriebene Kinderbücher“ als verbindliche Lektüre vorzusehen.  Etwas mehr muss allerdings noch kommen.Aber die Richtung stimmt.

Könnte man dafür nicht das Geld aus dem Schüler-BaföG, das Abiturienten aus einkommensschwachen Familien für Kinokarten verwenden dürfen, nehmen?

Vielleicht sollten wir die Testeritis auch nicht zu ernst nehmen. Die empirische Bildungsforschung ist nicht allwissend und unangreifbar. Da wird z. B. eine Internet-Umfrage bei ein paar Grundschullehrerinnen, die sich womöglich salopp über Vornamen ihrer Schülerinnen und Schüler äußern, zu einer wissenschaftlich gehärteten Erkenntnis über die schlechte Benotung der Kevins und Mandys.

Als in Hessen die Förderstufe eingeführt wurde, galten die mit allen Gütekriterien ausgestatteten Befunde, dass die Grundschulgutachten wenig Prognosewert hätten. Heute bescheinigt die Wissenschaft, dass sie „relativ zuverlässig“ (Prof. Kurt A. Heller, FAZ, 21.1.10) wären.

Die Studie von Prof.  Lehmann über das Versagen der Berliner Grundschule in den Klassen 5 und 6 sorgte für Aufregung. Dann fanden Forschungskollegen auf der Grundlage desselben Datenmaterials(!) heraus, dass die Berliner Grundschule nicht besser, aber auch nicht schlechter ist, als das grundständige Gymnasium.

Ein Trost (?) ist vielleicht eine schon länger zurückliegende australische Sekundäranalyse von mehr als eintausend empirischen Studien: Die deutlichste Korrelation zum Schulerfolg, so fanden sie heraus, besteht zum Sozial- und Bildungsstatus des Elternhauses. Aber was sagt das für Brandenburg?

Update 30.6.10: Die Vermutung, dass die Lehrer/innenfortbildung in der Schule nicht ankommt, scheint zuzutreffen. Das Bildungsministerium plant eine “aufsuchende” Fortbildung. Motto: “Wenn die Schule nicht zur Fortbildung kommt, kommen wir eben an die Schule!”

Ich kenne noch aus meiner aktiven Zeit (nicht in Brandenburg) die hämische Bemerkung der geistigen Frührentner im Kollegium: “Was, Du gehst mit 58 noch zur Fortbildung?”

3 Gedanken zu “Warum trägt Brandenburg die rote Laterne?

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