Die Mühen der Ebene: Schulbibliotheken in Brandenburg

Es gibt Positives aus der Region Berlin-Brandenburg zu berichten.

Basedow1764 neigt dazu, festzustellen, dass ein Glas immer noch halbleer ist, anstatt sich zu freuen, dass es schon halbvoll ist.

Bei Beratungsgesprächen in Schulbibliotheken in Potsdam und Berlin höre ich nebenbei, dass viele Jahre Schulbibliotheken abgebaut wurden, weil die öffentlichen Bibliotheken die “Konkurrenz” nicht haben wollten.

In Brandenburg existiert der Protokollvermerk eines Gespräches zwischen Landesfachstelle für öffentliche Bibliotheken und dem Bildungsministerium. Man kam überein, nicht in Schulbibliotheken zu investieren – Als ob beide Institutionen das je gemacht hätten – , sondern auf öffentliche Bibliotheken zu verweisen. (Das scheint aber Schnee von gestern zu sein.)

A propos Landesfachstelle: Das Bildungsministerium verweist in seiner Antwort auf die Landtagsanfrage zu Schulbibliotheken darauf, dass die Fachstelle auch für Schulbibliotheken Fortbildung machte.

Basedow1764 mailt die für Fortbildung zuständige Landesfachstellenbibliothekarin an und erkundigt sich, wie man die bibliotheksfachliche Kompetenz ihrer Dienststelle für Schulbibliotheken nutzen könne.

Daraus entwickelt sich folgende Handlung:

Die Bibliothekarin lässt ihren Chef antworten. Der schreibt, dass er im Benehmen mit dem Wissenschaftsministerium, vorgesetzte Behörde für die Landesfachstelle, die selbst Teil des brandenburgischen Hauptstaatsarchivs ist, meine Mail an das Bildungsministerium weitergegeben habe. Von dort werde mir eine Antwort erteilt.

Nach Wochen erfrage ich im Ministerium den Stand der Dinge. Zu meiner freudigen Überraschung erfahre ich, das man an dem Thema dran sei.

Ich habe jahrelang in Behörden des Schulwesens gearbeitet. Daher verstehe ich das: Wo kämen wir hin, wenn eine untergeordnete Bibliothekarin einem engagierten Staatsbürger Auskunft erteilt? Es handelt sich schließlich um eine Angelegenheit, die zwei Ministerien betrifft. Was hat die Landesfachstelle mit Schulbibliotheken zu tun? Wenn Bedienstete aus dem Geschäftsbereich des Wissenschaftsministerium für Einrichtungen im Geschäftsbereich des Bildungsministeriums – Schulen und Schulbibliotheken – tätig werden, wer zahlt das?

Damit ich nicht missverstanden werde: Das war in Hessen genau so. Und wer in solchen Strukturen arbeitet, weiß, dass Hierarchien, Dienstwege und Mitzeichnungserwartungen beachtet werden müssen. Nicht zuletzt werden Schulbibliotheken im Bildungswesen alles andere als prioritär behandelt. Man ist ja gesetzlich nicht zuständig und dringendere Problem gibt es im Schulbereich allemal. Daher bin ich sehr erfreut, dass man sich im Ministerium der Sache angenommen hat und eine Lösung sucht.

Warum bedurfte es erst einer AGSBB, um Bewegung in die Sache zu bringen?

Ich  sehe im Bibliothekswesen zwei Welten. Das eine ist die der Elite, die in den Verbänden und Hochschulen tätig ist, die in Dutzenden von Blogs und in Portalen, in Strategiepapieren und auf Kongressen weltweit vom “exzellenten” (Zitat Prof. Dankert) deutschen Schulbibliothekswesen oder von Schulbibliothek2.0, Vermittlung von Informationskompetenz, bildungspartnerschaft und PISA redet.

Mit Parolen wie “Rein in die Schulen”  und “Kooperationsverträgen Bibliothek und Schule” werden Erwartungen an Lehrer/innen formuliert.  Bildungspolitik und -verwaltung sehen dieses (vorerst) Gratis-Engagement mit Freude. Befreit es sie doch vom letzten Rest einer Verantwortung für Schulbibliotheken.

Dann gibt es die Alltagswelt der öffentlichen Bibliotheken. Da hat man oft keinen Platz, kein Personal und keine Zeit, wenn jetzt Schulklassen auftauchen und Rechner, Tische und Stühle in Beschlag nehmen. Einen OPAC, Smartboards oder Beamer, Leseförder-Podcasts und einen Weblog hat auch nicht jede Stadtbibliothek.

Die Bibliotheksdirektorin ist froh, wenn es keine Schulbibliotheken gibt, weil die ihr vermeintlich Leser und Ausleihen abziehen. (Das habe ich jahrelang an einem Schulstandort erlebt. Bis die Leiterin endlich kapiert hatte, dass gerade die eifrigsten Schulbibliotheksbenutzer auch ihre besten Kunden waren. Nach 30 Jahren erlebe ich das in Potsdam wieder.)

Es gibt aber noch eine dritte Bibliothekswelt. Das sind die Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die sich in und für Schulbibliotheken engagieren. Für die Korpsgeist  und Verbandspolitik nicht alles sind. Die unbefangen mit Lehrerinnen und Lehrern zusammenarbeiten und sie nicht als Eindringlinge in ihr Revier behandeln. Zum Glück gibt es davon eine ganze Menge.

Übrigens: Während das Brandenburger Bildungsministerium nach einer Lösung für die Fortbildungsinteressen von Schulbibliotheksmenschen sucht und sich generell dem Thema “Schulbibliothek” gegenüber aufgeschlossen zeigt, tagt eine Gesprächsrunde von Ministerium und dbv zum Thema Kooperationsvertrag. Die Schulbibliotheken waren dort, nach allem, was zu hören ist, kein Thema.

Über Basedow1764

Die älteste Forderung nach Schulbibliotheken ist bei dem Schulreformer Johann Bernhard Basedow (1724 - 1790) zu finden. Daher der Name dieses Weblogs.
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