In den vergangenen drei, vier Jahren hat eine bemerkenswerte Entwicklung begonnen und an Dynamik gewonnen:
Der Siegeszug der Informationsgesellschaft, die Suchmaschinen auf dem Laptop und dem Handy und die Datenbanken des Internets stellen zwar die Bibliothek als physischen Wissensspeicher in Frage. Aber überflüssig geworden ist die (Schul)Bibliothek keineswegs.
Vom Aussterben bedroht ist nur die Bibliothek, über die Umberto Eco spottet: Mit einem Katalog, der ein Studium erfordert und mit einem Bestellzettel, der ausgefüllt werden muss, bevor man Zutritt zum Buch hat.
Aber jetzt, wo die Fragen der Aufbewahrung und des Zugangs mit einem Mausklick beantwortet werden (Lassen wir vorläufig offen, ob es nunmehr notwendig ist, aus Lesern, pardon, usern, Informationsspezialisten zu machen) kann sich die Bibliothek auf ihre Funktion als Ort des Lesens und Lernens zurück(!)besinnen.
Auch die digital natives suchen Räume, in denen sie konzentriert arbeiten, gemeinsam mit anderen lernen und einen Kaffee trinken können. Das zeigen Untersuchungen (u. a. Jane Secker, Social Software, Libraries and distance learners: literature review, London School of Economics and PoliticalScience, January 2008, University of London http://clt.lse.ac.uk/Projects/LASSIE_lit_review_final.pdf [20.11.2009])
Es geht nicht länger (nur) um Regale und Bestände, Kataloge und Systematiken. Es geht um Gruppenarbeit, Projektarbeit, Recherche und Präsentation. Das geht nicht allein am Computer vonstatten, das geht nur gemeinsam, im Austausch mit anderen, im Gespräch und mit Unterstützung durch Lehrer und Bibliothekar.
Daher haben die neuen Bibliotheken in Schulen, Colleges und Universitäten, aber auch die Publikumsbibliotheken Räume, die den Bedürfnissen der Nutzer besser entsprechen als je zuvor. Sie bieten ruhige Einzelarbeitsplätze, Gruppenräume und Caféterien. Räume, in denen geredet und gegessen werden darf und Räume, in den es still sein muss. Räume in denen man sich gerne aufhält, die keinen Fluchtreflex auslösen.
Möglicherweise wird man nicht mehr von „Schulbibliothek“ reden. Sie wird aufgehen in etwas Neuem: dem Lernzentrum, dem Wissenszentrum. In USA streiten sich Professoren, wer den Begriff Wissensallmende dafür erfunden hat: „learning commons“.
(Die Allmende wurde im Mittelalter von allen Bauern des Dorfes benutzt. Zu ihr gehörten die Wege, der Wald, Gewässer oder das Weideland, auf dem jeder seine Nutztiere weiden lassen konnte. Im Englischen: commons. Das Wort wird auch im informationellen Bereich häufig so verwandt, etwa für Wikipedia, Linux, Open source, creative commons)
Es gab ja einmal eine Zeit, wo von “Entschulung“ der Schule (Ivan Illich) die Rede war. Illich wollte ja nicht weniger Lernen, sondern mehr und besser. So könnte die „Entbibliothekarisierung“ der Schulbibliothek das Augenmerk auf den Raum lenken: Die Schulbibliothek als Lernort, gerade im digitalen Zeitalter. Auch wenn alle Schülerinnen und Schüler iPhone und e-book im Ranzen haben werden, brauchen sie diesen Raum.
Ich greife damit mein posting von Anfang Juli 2009 auf. Gerade habe ich die Beiträge der IFLA-Konferenz „Libraries as Space and Place“ gefunden. Sie zeigen, wohin die Reise geht.




2 Kommentare
2009/11/24 um 8:09 pm
Ein interessanter, nachdenklich machender und – trotz des Titels! – motivierender Artikel. Mithin eine Idealbeschreibung eines Ortes, der die “guten alten Zeiten” (siehe Einschub ‘”Allmende”) mit der Moderne versöhnlich zu verbinden weiß. Hier spricht einer, der Schule und Bibliothek bzw. Schulbibliothek verinnerlicht, ja, nachgerade zu lieben scheint, ohne dabei dem Irrtum zu unterliegen, dass es “die Bibliothek als solche” für immer und ewig geben wird.
Der Gedanke läge nahe, dass hier jemand Bibliotheken schonungslos auf einen “Raum” reduzieren will. Doch dann hätte man die Zeilen darüber nicht oder nur flüchtig gelesen. Zur Erinnerung und – zugegeben – ein wenig daraus ableitend:
Die Bibliothek als (räumliches) Wissenszentrum. Für alle. Ohne Beschränkungen mit Hilfe moderner Technik.
Da schrankenlos jedoch auch haltlos bedeuten könnte, braucht es das fachlich ausgebildete und qualifizierte, fort- und weitergebildete Personal als rettende Lotsen.
(Man sollte das im Jahr 2009 n.C. nicht mehr beschwören müssen …)
2009/11/25 um 9:00 am
Danke für diese Ergänzung und Weiterführung.
Die Idee der learning commons trifft im angelsächsischen Raum auf ein Fachpublikum, das es hierzulande, wo es vielfach noch um die „Schulbibliotheks-Basics“ geht, nicht gibt: die school library media specialists.
Professoren, die zu Schulbibliotheken forschen und lehren, versuchen dort, ihrer Klientel beizubringen, dass sie sich in die schulischen Lernprozesse einbringen müssen und darin als Partner der Fachlehrer/innen mitarbeiten.
Träumen wir halt ein bisschen…