- nicht zur Zusammenarbeit von Bibliothek und Schule.
Beim Kampf um Ordnung auf meinen Festplatten stoße ich auf den Inhalt einer CD-ROM:
„Teaching Information Skills” der Australian School Library Association von 1997
Auf ihr wird anhand von 12 Unterrichtsbeispielen detailliert aufgezeigt, wie Lehrer und teacher-librarian bei der Planung und Durchführung von Unterricht in jeder Phase des Rechercheprozesses zusammenarbeiten.
Die CD hat maßgeblich mein Verständnis von Zusammenarbeit und überhaupt von Schulbibliothek geprägt.
Der Weg der engen Zusammenarbeit von Fachlehrkraft und Bibliothekslehrkraft wurde in der angelsächsischen Welt seit damals weiter beschritten und erforscht:
Greef, Elizabeth, Collaboration is the key: Making a difference in our schools through integrative and progressive practice
Overall-Montiell, Patricia Research on teacher and librarian collaboration : An examination of underlying structures of models.(Karsten Schuldt referiert die Ergebnisse.)
Todd, Ross, The ABCDE of Teacher-School Librarian Collaboration: Advances, Barriers. Challenges, Directions, Enablers.
In Deutschland ist diese Art der Zusammenarbeit unbekannt. Wenn von Zusammenarbeit die Rede ist, dann von Kooperationsverträgen, Medienpartnerschaften, Bildungspartnern. Bei diesen Kooperationsformen bleibt der Kernbereich der Schule, das „Beybringen“, wie das Jürgen Henningsen provozierend buchstabierte, außen vor.
Die angestrebte Partnerschaft ist auch einseitig, denn die Lehrer kriegen eine Bringschuld aufgehalst: Sie sollen möglichst oft mit ihren Klassen in die Stadtbibliothek, dort Bibliothekscurricula erfüllen, den Besuch gut vorbereiten und hinterher der Bibliothekarin berichten. (So steht das explizit in einem best-practise-Fall.)
Diese Art der Zusammenarbeit, wie sie von den Bibliotheksverbänden und der Bertelsmann-Stiftung propagiert wird, ist verbandspolitisch verständlich, bringt aber den Schulen letztlich nichts. Auch das Versprechen, Kooperationsverträge, Bibliothekscurricula und Besuche in der Stadtbibliothek würden das deutsche PISA-Ranking verbessern, verliert an Überzeugungskraft, je mehr Bundesländer, wie zuletzt Brandenburg und Sachsen, sich auch ohne Schulbibliotheken verbessern. (Dass sie dabei schummeln, steht auf einem anderen Blatt.)
Wenn es noch eines Beweises bedürfte: Das schon mehrfach im Blog genannte IMeNs-Projekt, in der bibliothekarischen Fachwelt als Highlight der Zusammenarbeit gepriesen, hat sich wissenschaftlich evaluieren lassen. Eine Studentin einer FH sollte die Wirksamkeit bei Lehrern und Schülern untersuchen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass sie diese nicht feststellen konnte.
Dieses Projekt eines Schulträgers, technischen Support für seine Schulbibliotheken zu leisten, ist im Grunde eine lobenswerte Idee. Aber die Erwartung, die Lehrer würden all die schönen Sachen nutzen, die auf dem Kreisserver gesammelt werden, wie etwa das Munzinger-Archiv, ist naiv.
Jetzt drängen zunehmend die Bibliotheks- und Informationswissenschaftler in die Schulen. Sie wollen Kompetenzen beibringen: Medien-, Recherche-, Informations-, Lese-, Bibliotheks- u.v.a.m. -kompetenz.
Wenn sie sich darauf beschränken, Curricula zu entwerfen, zu Trainingskursen in die Bibliothek einzuladen oder Internetrecherche für Schüler/innen anzubieten, wird die Zusammenarbeit ebenfalls äußerlich bleiben. Im besten Falle werden die Lehrer die Verantwortung für den Erwerb dieser Kompetenzen delegieren, im schlechten Fall wird sich ihr Burn-Out-Syndrom verschlechtern, weil ihnen wieder jemand sagt, was sie alles nicht oder schlecht machen.
Mein Vorschlag ist, Projekte der Zusammenarbeit von Lehrern und Bibliothekaren in gut ausgestatteten Schulbibliotheken zu starten: Gemeinsame Unterrichtsplanung und gemeinsame Unterrichtsdurchführung.
Ich bin zuversichtlich, dass die Wirksamkeit evaluierbar sein wird (siehe Todd!).
Keine Podien, keine Resolutionen, wie Bibliotheken das PISA-Ranking verbessern und Bibliotheksführungen die Lesekompetenz steigern, sondern Kärnnerarbeit im grauen Schulalltag, Lehrern erlebbar machen, was es heißt, mit einem qualifizierten Schulbibliothekar zusammenzuarbeiten.
Eine Dokumentation solcher Projekte in Broschüren und Videos, auf Tagungen, in Pressemeldungen und Fachzeitschriften, in Strategie- und Grundsatzpapieren von Expertengruppen, eine Auszeichnung durch Bildungs- und Bibliothekspreise, eine Erwähnung in einer Rede des Bundespräsidenten wären förderlich.
Bei Lehrkräften würde die Akzeptanz von Schulbibliotheken entscheidend erhöht. Unterricht in der Bibliothek ist ja für pädagogische Einzelkämpfer aufwändiger zu planen als Unterricht nach Lehrbuch. Im Informationsspezialisten hätten sie einen Partner, der sie bei den Ressourcen, der Medienwahl und dem Medieneinsatz berät, der bei einzelnen Schülern oder Gruppen im richtigen Moment interveniert und im Rechercheprozess weiterhilft.
Was Reinhard Heckmann 1993 schrieb, ist nach wie vor aktuell:
„In der internationalen Diskussion ‑ das machte diese Tagung (IASL Adelaide 1993) erneut deutlich ‑ gelten einige Fragen, die in der Bundesrepublik nach wie vor kontrovers diskutiert werden, längst als geklärt. Insbesondere fällt immer wieder auf, dass international die pädagogischen Aspekte schulbibliothekarischer Arbeit stark betont werden. Die Schulbibliothek ist keine Ausleih‑Bibliothek mit traditionellen bibliothekarischen Funktionen. Sie besteht viel mehr aus einer Zahl von pädagogischen Funktionen, so ist sie ein „social‑center“ für Schüler und Lehrer, aber auch für Eltern und Vorschulkinder. Dementsprechend stehen nicht Katalogisierungsfragen und andere bibliothekstechnische Fragen im Vordergrund der Diskussion, sondern praktische Probleme der Zusammenarbeit von Lehrer und Schulbibliothekar mit der Frage „Wie wird der Schulbibliothekar den Bedürfnissen der Lehrer gerecht?“ oder „Wie kann eine gemeinsame Unterrichtsplanung, von Lehrer und Schulbibliothekar, reibungslos und erfolgreich sein?“
Aus diesem Verständnis von Schulbibliothek als einer pädagogischen Einrichtung ergibt sich ‑ auch hier besteht international große Einigkeit ‑, dass der Schulbibliothekar in erster Linie Lehrer sein muss, der zwar bibliothekarische Kenntnisse, aber keine entsprechende Vollausbildung benötigt. Wie jeder weiß, wird demgegenüber bei uns die bibliothekarische Komponente der Schulbibliotheksarbeit stark betont. Ein Weg, der nicht sehr erfolgreich war, wie man nach nahezu 25 Jahren Schulbibliotheks‑“entwicklung“ in der Bundesrepublik wohl konstatieren muss. Wann probieren wir, andere Wege zu gehen?“
Die Videoclips der CD kann ich leider nicht in wordpress laden. Für Hinweise auf derartige Zusammenarbeit aus dem deutschsprachigen Raum wäre ich dankbar.




