Einen wahrhaft Aufsehen erregenden Befund haben zwei Forscherinnen der Uni Oldenburg mit den Vornamen Astrid und Julia herausgefunden: Grundschullehrerinnen verallgemeinern ihre schlechten Erfahrungen mit einem Kind, das Kevin oder Mandy heißt, auf alle Träger/innen dieser Namen und verschärfen damit die sowieso schon benachteiligten Unterschichtkinder. Letztere sind meist Träger dieser Namen. Mit den Namen Anna oder Jakob assoziierten die Lehrerinnen ruhige, lernbegierige Mittelschichtkinder.
Erforscht haben die Wissenschaftlerinnen dies in einer Online-Umfrage mit 3000 Beteiligten, von denen 500 als Beruf Grundschullehrerin angekreuzt hätten.
Besonders erschrocken sind die Professorin und ihre, die Studie als Examensarbeit schreibende Studentin gewesen, weil die befragten Lehrerinnen ihre Vorurteile nicht kritisch reflektiert hätten.
Aber es gäbe ja ein „Anti-Bias-Training“ (der Uni Oldenburg; Basedow1764), in dem die Pädagoginnen lernen könnten, ihre Vorurteile zu überwinden, rät die Professorin.
Wie gut, dass die Eltern von Prof. Dr. Astrid Kaiser ihrer Tochter den nordischen Namen Astrid – „Die göttlich Schöne“ – gegeben haben und sie nicht Mandy tauften.
In den USA ist man sich der Bedeutung von Vornamen schon länger bewusst. Oberschichtfamilien wählen, vor allem für ihre Töchter, die Vornamen sehr sophisticated aus (Hannah, Madison, Emily, Joshua, Benjamin); wohl wissend, dass sie damit die Karrierechancen der Kinder verbessern. US-Personalchefs denken nämlich genauso vorurteilsvoll wie deutsche Grundschullehrerinnen.
Übrigens kamen für meine eigenen Kinder bestimmte Namen, denen ich im Unterricht begegnet bin, nicht in Frage. So blieb mein Vorurteil wenigstens in der Familie.
Da gerade Wahlkampf ist: Man könnte der Mittelschicht die freie Namenswahl verbieten (Linkspartei), eine Quote einführen (SPD), eine Bonusregelung im Zeugnis für die Mandys und Kevins (Linkspartei Berlin), ausländisch klingende Vornamen verbieten (NPD), Gütekriterien für Online-Umfragen einführen (FDP) oder die Uni Oldenburg mit einem bundesweiten „Anti-Bias-Programm“ für Grundschullehrerinnen beauftragen (Bündnis90/Grüne).
In der Schulbibliothek waren die Vornamenlexika immer ein Renner. Vielleicht sollten die Kinder ihre Namen selbst wählen. Man könnte sie solange erstmal durchzählen, wie im alten Rom.
Die Pressemitteilung der Universität. In ihr ist übrigens von 2000, nicht 500 Grundschullehrerinnen die Rede.
Zwei Stunden später: Ich empfehle in der Regel, erstmal den Text, das Urteil, das Interview zu lesen, bevor man räsonniert. Ich versage es mir hier, weil ich es von vornherein unmöglich finde, wie hier auf der Basis von 500 oder 2000 Online-Fragebögen herauszufinden, dass Grundschullehrerinnen mal wieder versagen und den Kevins schlechte Noten geben, weil sie Kevin heißen. Und das auch noch online frech belegen: Der Name Kevin wäre schon eine Diagnose, schriebe eine Lehrerin. Kann es sein, dass sogar Grundschullehrerinnen, wiewohl kürzer ausgebildet und schlechter bezahlt, einen solchen Satz ironisch meinen und nicht als Kriterium für die Notenbildung benutzen?
Ich bekenne übrigens, dass es auch Lehrer, auch in den Sekundarstufen, gibt, die nach dem zweiten verhaltensauffälligen Achim oder Christian ein Vorurteil bei sich entstehen sehen.
Wie gut, dass die Uni Oldenburg, ein Zentrum der Genderforschung übrigens, gleich den 1.Hilfe-Kurs anbieten kann.
Die Mittelschichtorientierung von Lehrkräften ist nicht gänzlich unbekannt. Zu meiner Studienzeit in den 60ern war sie übrigens schon Thema. Nur, einen Kurs – zwei Nachmittage, eine Woche, ein Semester? um sie abzubauen, den gab es damals nicht.
Der Einfluss des Elternhauses auf den Schulerfolg ist größer als alle anderen – vor allem die schulischen - Faktoren. Das zeigen Sekundäranalysen tausender erziehungswissenschaftlicher Studien. Auch wenn alle Grundschullehrerinnen den Oldenburger Anti-Bias-Kurs erfolgreich durchlaufen haben werden, wird es der Mittelschicht – so weit es sie noch gibt - und der Oberschicht gelingen, sich abzugrenzen, sich abzuschotten und den Schulerfolg ihrer Kinder zu sichern. Das Bundeskabinett und die DAX-Vorstände sind nur sichtbarste Beispiele. Wer stammt da aus „einfachen“ Verhältnissen? Niemand am Kabinettstisch heißt Kevin oder Mandy! Da haben die Grundschullehrerinnen ganze Arbeit geleistet.




1 Kommentar
2009/09/19 um 11:06
[...] hier: Masterarbeit zur Vornamensstudie von Julia Kube [PDF] Siehe auch: Beliebte Vornamen – Blog, Basedow1764's Weblog, Psycholog der Uni Saarland, | 0 Kommentare | Kategorie: Abitur [...]