Ministerpräsident Erwin Sellering hat seine umstrittene Verharmlosung der SED-Diktatur bekräftigt. Werden demnächst in den Schulen MeckPomms solche Besinnungsaufsätze geschrieben: Vor- und Nachteile einer Diktatur?
Es ist gewiss schwer, Ostdeutschen zu erklären, dass sie nicht in Sack und Asche gehen müssen, wenn man ihre Heimat eine Diktatur nennt.
Warum können Vertreter unserer politischen Elite, wie Frau Schwan, Herr Thierse, Herr Sellering das nicht so klar ausdrücken wie die Autorin Claudia Rusch in einem Zeitungsinterview: „Deutlich zu benennen, welche Strukturen, Manipulationen und Repressalien das System bestimmt haben, heißt ja keineswegs, das dort stattgefundene Leben aller gleich mit zu verdammen.„
Mir antwortete gerade eine junge Lehrerin, sie – gemeint ist die DDR – hätten rechtzeitig in Westdeutschland einmarschieren sollen, dann wären sie die Sieger gewesen.
Auslöser war ein Zitat aus einer Untersuchung über die kommunistische Staatsbürgerkunde, die von der brandenburgischen Landesregierung(!) veröffentlicht worden war: Die Stabü habe der ideologischen Indoktrination gedient. Argumentieren lässt sich nach solchen Reaktionen nicht. Zum Vorschein kommt ein Unterlegenheitsgefühl, das dazu führt, Demokratie, Grundgesetz und Rechtsstaat pauschal zu verdammen, oder wie Herr Sodann es tut, „Scheiße“ zu nennen. Insofern sind die hohen Ablehnungsquoten von Demokratie und Zustimmungsquoten für Sozialismus nicht rational zu erklären. Sie sind eine emotionale Reaktion.
Eine Mehrheit der Ostdeutschen zieht denn auch letztlich das Leben im Nachwendedeutschland einem Leben in der DDR vor: 68%. Dafür jammern jetzt die Wessis: 65% finden die alte BRD besser!!! (Quelle: Inst. f. Demoskopie Allensbach, laut FAS v. 12.4.09)
Die existenziell bedrohlichen Erfahrungen nach der Revolution mit Arbeitslosigkeit, einem komplizierten Rechts- und Sozialstaat, das Auftreten westdeutscher Karrieristen und Geschäftemacher, nicht zuletzt die Nachhilfe durch eine wieder einflussreiche kommunistische Partei und ihre Medien, lassen die DDR für viele Ostdeutsche in einem freundlicheren Licht erscheinen.
Warum gelingt es so vielen Vertretern unserer politischen Elite nicht, klar zu sagen, was in den Schulen gelernt werden soll?
Wollen sie das Lernziel „Dass man in der DDR glücklich und sorgenfrei leben konnte?“ (Das Zitat stammt von einem weiteren SPD-Politiker in Schwerin.) Immer dann, wenn sie die Millionen von Demokratie und Rechtsstaat frustrierten Ostdeutschen in Schutz nehmen – was verständlich und notwendig ist – kommt eine Beschönigung und Verharmlosung der Diktatur heraus, bis hin zu dem, was besser gewesen sein soll.
Auch so respektable Personen wie Thierse und Schorlemmer loben dann das Schulwesen oder die angeblich so große Solidarität untereinander. Christoph Hein sagte in einer Diskussion: „Weglassen ist eine einfache Form der Lüge“.
Herr Thierse differenziert auf Nachfrage: Er meint nicht das gesamte Schulwesen, sondern den Polytechnikunterricht. Es geht ihm letztlich darum, die DDR-Biographien nicht in Bausch und Bogen zu verdammen -wer will das eigentlich? -, um die Menschen nicht der Linkspartei in die Arme zu treiben. Warum muss er deswegen pauschal ein Schulsystem loben, das das nicht verdient hat?
Mir drängen sich Parallelen zur westdeutschen Nachkriegsgeschichte auf: „Ein ganzes Volk bockt“, hieß es, als es um die „Bewältigung“ der NS-Vergangenheit in Westdeutschland ging. Den Nationalsozialismus hielt bis in die 60er Jahre eine Mehrheit für eine im Grunde nur schlecht ausgeführte Idee. Dass im „Dritten Reich“ nicht alles schlecht war, ist kein Satz von gestern. Die Katastrophe passierte am 8.5.45 nicht am 30.1.33. So wie heute von den Kosten der Wende und nicht von 40 Jahren Pleiteplanwirtschaft die Rede ist.
Sicher war nicht alles schlecht, so wie unter Hitler auch nicht alles schlecht war. Aber man darf es sich nicht zu einfach machen. Eva-Maria Baehr, eine ehemalige DDR-Journalistin, Redakteurin der „Jungen Welt“, SED-Mitglied, stellt fest:
„Nein, es war nicht nur Angst und Feigheit. Und wir haben es auch nicht nur mit uns machen lassen. Wir haben es selbst gemacht. Wir sind einem falschen Ideal aufgesessen.
Als ich klein war, habe ich mich manchmal gewundert, dass es in der Nazizeit auch Verliebte gab…Und dass sie geheiratet und Kinder bekommen haben…
Und so war die DDR immer mehr als ein Stasi-Staat, ihr gesllschaftliches System mehr als ein Spitzelsystem, die SED mehr als eine Bonzenpartei. Wäre es nur das gewesen, hätte es nicht so lange gedauert.“ (p 9)
aus: Wir denken erst seit Gorbatschow. Protokolle von Jugendlichen ajus der DDR. Hrsg. von Eva-Maria Baehr, Recklinghausen: Georg Bitter Verlag 1990 (vergriffen)
Das heißt, dass Millionen sich Rechenschaft ablegen müssten. Sie dürften sich heute nicht unisono, der Stasi-Oberst, der Staatsanwalt, der IM, die Schauspielerin, als Opfer der BRD bezeichnen und sich einreihen in die Gruppe der Stalinismusopfer, der kriminalisierten Ausreisewilligen, der von der Volkspolizei zusammengeschlagenen Demonstranten während der friedlichen Revolution.
Ein Psychiater berichtet, dass sich in seiner Opferberatungsstelle auch die Täter beraten lassen. Der SED ist der Coup gelungen, die Schuldfrage von der allmächtigen Partei auf das MfS zu verschieben, hängen geblieben ist sie noch nicht einmal dort, sondern bei den IMs. Honecker und Mielke sind tot, die SED hat sich umbenannt, die IMs stehen unter dem Schutz deutscher Gerichte.
Die tätige Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte ist in Ostdeutschland Sache einer ganz kleinen Minderheit. So wie auch die Revolution die Sache von wenigen tausend mutigen Menschen war.
Für den großen Rest der Ostdeutschen ist die Konfrontation mit der Vergangenheit unangenehm, genauso wie es nach dem Krieg in Westdeutschland war. (Den SBZ-/ DDR-Bewohnern blieb übrigens die quälende Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus erspart. Es gab in der DDR nur Widerstandskämpfer, die Nazis waren alle in Westdeutschland. Altnazis konnten umso ungestörter Karriere machen und nicht erst am Schluss war die SED gegenüber ihren hausgemachten Skins und Neonazis hilflos.)
Immerhin war jeder dritte Erwachsene SED-Mitglied. Auch wenn das viele nachvollziehbar getan haben, um einen Beruf ausüben zu können, um beruflich voranzukommen, um schneller an eine Wohnung, ein Auto, Westwaren oder Auslandsurlaub zu kommen oder weil sie den Heilsversprechen naiv glaubten.
Da ist einer, der auf einen bestimmten Beruf oder auf Privilegien verzichtete, um sich nicht zu verbiegen, eine Bedrohung der eigenen Biographie. Deswegen kann man auch nicht kollektiv stolz sein auf die, die Kommunalwahlfälschungen im Mai 89 aufdeckten und die beeindruckenden 10-15%, die es wagten, nicht mit Ja abzustimmen. Oder die, die sich trauten, z.B. in Potsdam den Pfingstberg vor völliger Verwahrlosung zu bewahren, misstrauisch beäugt und unterwandert vom MfS.
Lieber benennt man eine Straße in Strausberg nach einem Mauerschützen, der versehentlich von seinen eigenen Leuten erschossen wurde, als nach Manfred Gartenschläger, der wegen seiner Leidenschaft für Rock´n Roll ins Zuchthaus musste und vom MfS später erschossen wurde. Er demontierte eine Selbstschussanlage an der Grenze , um zu beweisen, dass das keine Attrappe war, wie die SED international verbreiten ließ. Auch hier ist die Parallele zur Nachkriegszeit unübersehbar. Nach dem Hitlerattentäter Georg Elser wurde eine Straße erst 50 Jahre später benannt.
Man flüchtet sich stattdessen in eine kollektive Verantwortunglosigkeit.
Bis auf Honecker oder Mielke war niemand für etwas verantwortlich. Und Honecker sagte immer von sich, dass er nur die Beschlüsse der Partei ausführe. (Die eigentlich nicht nötig waren, da sich die Gesellschaft quasi naturgesetzlich zum vollendeten Kommunismus hin entwickeln würde.)
Nötig wäre eine kritische Selbstreflexion der ostdeutschen Gesellschaft.
Ich halte das inzwischen für wichtiger als den ständigen Verweis auf die desinteressierten Westdeutschen. Die lächerlichen Haarspaltereien um Rechts- oder Unrechtsstaat, leider auch von Westdeutschen aus falsch verstandener Empathie mitgetragen, sind der falsche Weg. Auch die Versuche, in Wissenschaft und Schule die „Alltagskultur“ der DDR in den Vordergrund zu stellen, vernebeln. Die Opfer der Diktatur waren und sind aus dem Alltag ausgeblendet.
Da gibt es Ostdeutsche, die problemlos in Dubai oder New York Karriere machen. Es gibt Menschen, die seit 1989 erfolgreich etwas Neues aufgebaut haben. Es gibt aber auch die alten Seilschaften, die SED-Mitglieder, die mit den von Dr. Gysis SED/PDS beiseite geschafften Milliarden Autohändler, Bauunternehmer oder Immobilieninvestor geworden sind. Es gibt die Stasi-Doktoren und -professoren, die heute als Rechtsanwälte arbeiten.
(Der Doktorvater von Stasi-Oberst Schalck-Golodkowski war übrigens Mielke.)
Es gibt die IMs und Moskauer Parteihochschulabsolventen, die in den ostdeutschen Landtagen Politik machen. Es gibt die Täter, die in der DDR „Recht“ gesprochen haben, Gefangene gefoltert , „negative Elemente“ terrorisiert oder „liquidiert“ haben. Es gibt die ehemalige Oberschicht, die in der DDR das kommunistische Paradies für sich vorweggenommen hatte und jetzt hohe Renten einklagt oder schon kassiert. Alle eint sie die kollektive Wessi-Beschimpfung und die Opfermentalität.
Die Nachgeborenen und die Wessis müssen sich freilich fragen lassen, wie sie sich in dieser Zeit verhalten hätten. Überheblichkeit und Gratismut sind fehl am Platz. Aber die Regression in einen Opferstatus, Aggression gegen westdeutschen „Sieger“ („Freitag“-Journalistin Daniela Dahn) oder die Suche nach dem Guten an der Diktatur sind Vermeidungsstrategien.
Ich habe daher Respekt vor Menschen wie Günter Schabowski, die in der DDR Hardcore-Kommunisten waren und zumindest jetzt die DDR kritisch sehen und vor Eva-Maria Baehr. Vor Menschen, die Verantwortung für ihr Leben übernehmen und nicht nur nach Umverteilung rufen und schon wieder die „Systemfrage“ stellen.
Von der jüngeren Generation in den neuen Bundesländern ist kein ´68 zu erwarten, keine kritische Befragung der Elterngeneration: Die „Vier Fragen an meinen Vater“.
Die Kinder haben die Ängste und die Verunsicherung der Eltern nach der „Wende“ erlebt und solidarisieren sich mit ihnen. Es waren schon auffallend wenig Studenten unter den Oppositionellen der 80er Jahre. Da hatte die SED unter Verzicht auf eine größere Abiturientenquote schon gut gearbeitet.
Eine jüdische Weisheit sagt, dass die Erlösung in der Erinnerung liege.
Man wird sich noch lange plagen. Holländer haben bis heute ihre brutale Kolonialvergangenheit nicht aufgearbeitet. Stalin und Tito werden verehrt, obwohl sie Massenmörder waren. In Polen macht sich unbeliebt, wer dokumentiert, dass Pogrome auch nach 1945 stattfanden. Der belgische König hatte aus seinem Kongo vor über 100 Jahren ein KZ gemacht. Das wird in Belgien gerade zaghaft zur Kenntnis genommen.
Erstmals nach 60 Jahren schaffen es Menschen, über ihre Leidenszeit unter den Nazis zu sprechen und zu schreiben. Insofern wird auch die Erinnerung an die DDR nie auf die ach so gute Schule, die emanzipierten Frauen, die billigen Mieten und den besiegten Faschismus reduziert werden können.
Zum Schluss noch ein Link zu „einestages“ von Spiegel online aus Anlass des Besuches der Bundeskanzlerin in Hohenschönhausen. Frau Merkel ist es zu danken, dass sie dem verantwortungslosen Gerede der Sellerings, Ramelows, Thierses und Schwans durch Wort und Tat entgegentritt.
In eigener Sache: Die regelmäßige Kommentierung der DDR-Aufarbeitung, die sich aus meiner Arbeit an der Medienkiste „Ampelmännchen und Todesschüsse“ ergeben hat, stelle ich nach 15 Monaten ein.
Die Medienkiste „Ampelmännchen und Todesschüsse“ steht hessischen Schulen zur Ausleihe zur Verfügung. Die Literaturliste wurde im Amtsblatt des Ministeriums veröffentlicht. Das Ministerium beabsichtigt, mehrere Kisten für Schulen auszuschreiben. (Nachtrag: Leider doch nicht!)
Im Internet wurde die Liste 3600mal aufgerufen.
Erste Rückmeldungen gibt es: Im Zusammenhang mit einem Zeitzeugenbesuch („Die Frau vom Checkpoint Charly“) in Schulen und auf einem Seminar der Landeszentrale für politische Bildung im Museum „Point Alpha“ in der Rhön wurde sie genutzt.
Ich werde weiterhin die Minderheitenveranstaltungen der Birthlerbehörde und anderer Institutionen besuchen, immer wieder neue, noch unbekannte Sachen erfahren, staunend hören, dass Geschichtswissenschaftler behaupten, die DDR sei nun ausreichend erforscht, und dass Politiker durch Weglassen lügen.
Meine Anregung, den brandenburgischen Schulen eine ähnliche Medienkiste zur Verfügung zu stellen und einen Geschichtswettbewerb auszuschreiben, wurde von der CDU-Landtagsfraktion im Herbst 2008 aufgegriffen, fand aber beim Koalitionspartner keine Zustimmung und wurde nicht realisiert.
(Zum Geschichtswettbewerb des Brandenburger MBJS siehe den Nachtrag vom 11.5.09 in diesem Eintrag!)




2 Kommentare
2009/06/11 um 5:40
[...] Ostdeutschen müssen über sich reden, mit sich selbst ins Reine kommen, nicht vereint die Ossi-Wessi-Folklore [...]
2009/05/05 um 9:51
Siehe auch dort!