Ein epochales Ereignis vermeldet der Elephants Club Wiesbaden: Die erste Internationale Schulbibliothek Deutschlands ist an den Start gegangen. Ihre Abkürzung lautet ISBW. (Der Elephants Club ist eine Art Lions Club der Telekommunikationsindustrie.)
Der bundesweiten Vorbildrolle sollten, so hofft die Präsidentin des Clubs, bald andere Schulleiter folgen.
Was zeichnet die Bibliothek aus? Im Elephants Club ist der hessische Ministerpräsident Ehrenmitglied. Der Wiebadener Oberbürgermeister ist Schirmherr der Bibliothek. Der Konsul Bodo Kröger ist Mitglied des Kuratoriums der Bibliothek, ebenso die Gräfin zu Solms-Wildenfels. Beide stehen Gesellschaften vor, die Kontakte zu Asien und Amerika herstellen werden.
Fast hätte ich es vergessen: Die Bücherei der Realschule hat englische, französische, russische und türkische Bücher im Bestand. Daraus diesen Rummel zu entfachen, da kann ich nur sagen: „Hut ab!“
Um den laufenden Betrieb kümmern sich ehrenamtlich Schüler/innen, Lehrer/innen und Eltern.
Die Adresse der Werbeagentur, mit der der Elephants Club zusammenarbeitet, steht auch in der Pressemitteilung. (Die Veröffentlichung der Pressemitteilung bei der dpa-Tochter na . news aktuell hat ca. 290€ gekostet. Eine zusätzliche Verbreitung in Asien (internationale Schulbibliothek) würde 990€ kosten, die ganze Welt 2700€.
Zur Schulhomepage.
Die Website der ersten deutschen internationalen Schulbibliothek war am 21.4., als die Pressemitteilung releast wurde, noch nicht gelauncht.
Zu einem Zeitungsartikel, der alles Vorhergehende noch übertrifft.
Wenn Schulbibliotheken sich der öffentlichen Aufmerksamkeit erfreuen, ist das eine gute Sache. Aufmerksamkeit herzustellen scheint aber nur noch PR-Experten zu gelingen, indem sie aus einer Mücke einen Elefanten machen.
Das alles für eine Sache, von der gleich noch verlangt wird, sie solle gefälligst Nachahmer in ganz Deutschland finden. Da müssten schon allein in Hessen einige hundert Schulbibliotheken vom Elefanten zur Mücke mutieren.
Ein Vorgänger des Wiesbadener OBs hat vor einigen Jahren städtische Schul- und Stadtteilbibliotheken schließen lassen. Stattdessen halten die beiden Bücherbusse der Stadtbibliothek vor 18 Schulen.
Wenn der jetzige Oberbürgermeister Schirmherr und „Ehrenelefant“ einer kleinen von Eltern betriebenen Schulbücherei wird, macht das nur Sinn, wenn er es als Auftakt zu einem Schulbibliotheksentwicklungsplan für die Stadt Wiesbaden versteht. Ein Oberbürgermeister als Schirmherr aller Schulbibliotheken in seiner Stadt wäre respektabel. Was bisher von der Stadt Wiesbaden geleistet wurde, sieht eher nach einer Mücke denn einem Elefanten aus.
Dabei hat die Stadt beste Voraussetzungen: In ihr sitzt die Hessische Landesbibliothek, die als Fachstelle seit wenigen Jahren auch eine Zuständigkeit für die Beratung von Schulen und Schulen besitzt und neben mehreren hauptamtlichen dafür zuständigen Diplom-Bibliothekaren eine halbe Lehrerstelle verwaltet.
Update 25.04.09: Basedow1764 hat die PR-Aktion der Albrecht-Dürer-Schule zum Anlass genommen, der Schuldezernentin der Stadt Wiesbaden Vorschläge zur Entwicklung des Schulbibliothekswesen der Stadt zu machen. Immerhin geben 34 von 54 Wiesbadener Schulen (die auf eine Umfrage geantwortet haben!) an, eine Bibliothek zu haben. 23 Schulen haben LITTERA.
Von einer Schirmherrschaft der Stadtväter und -mütter über diese Schulbibliotheken hört man nichts.
Meinen Leserbrief dazu hat die „Frankfurter Rundschau“ nicht veröffentlicht. Wohl weil darin ein kritischer Satz über das seit Jahren zu beobachtende Desinteresse dieser Zeitung an Schulbibliotheken stand. Texte von PR-Agenturen abzudrucken ist halt billiger als hauseigene Journalisten loszuschicken.




2 Kommentare
2009/11/27 um 12:11
Da mir dieser bewundernswerte Gag einer Wiesbadener Werbeagentur immer wieder in den Pressemitteilungsplattformen begegnet, nochmal ein Satz dazu:
Wieso lassen es sich Wiesbadener Schulleiterinnen und Schulleiter bieten, dass ihr Stadtoberhaupt sich in einer einzigen Schulbibliothek persönlich engagiert (Wenn auch wohl nur eine Schaufensteraktivität) und allen anderen Schulbibliotheken der Stadt die kalte Schulter zeigt?
2009/06/03 um 6:33
[...] Wiesbadener OB übernahm kürzlich die Schirmherrschaft über eine Schulbibliothek, die entstehen konnte, nachdem ein Wirtschafts-Club 1000 Bücher zur Verfügung gestellt [...]