2009/04/19...10:34

Ilko Kowalczuk, Endspiel

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Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR von Ilko Kowalczuk, München: Beck 2009, 602 S., 9783406583575

EndspielDas Buch ist eine gut lesbare Gesamtdarstellung der Zustände und Ereignisse in der DDR ab den 70er Jahren. Erfrischend ist, dass Kowalczuk gelegentlich auch DDR-Witze als historische Quelle nutzt. Und die Menschen, die in diesem realexistierenden Sozialismus leben mussten, als „DDR-Insassen“ bezeichnet.

Angesichts der wachsenden Schönfärberei und Verharmlosung der SED-Diktatur, nicht zuletzt auch durch Geschichtswissenschaftler („Fürsorgediktatur“, „Konsensdiktatur“, „partizipative Diktatur“) ist es zum richtigen Zeitpunkt erschienen.

Es liefert keine neuen wegweisenden Erkenntnisse oder Interpretationen, würdigt aber deutlich Helmut Kohl, der den deutschlandpolitischen Entspannungskurs, den die SPD begonnen hatte, nicht nur fortsetzt, sondern, anders als Bahr oder Lafontaine es wollten, sich nicht vor der gigantischen Aufgabe der Vereinigung drückt, die die alte Bundesrepublik an die Grenzen der Leistungsfähigkeit führt.

Mielke wird nüchtern als einer der wenigen SED-Politiker gesehen, die die Brisanz der Lage richtig einschätzten.

(Wieder einmal) zu lesen, dass hohe Kirchenfunktionäre mit den Machthabern Kontakt halten konnten, ohne in den Verdacht zu geraten IMs zu sein, ist auch nicht verkehrt.

So vieles, was in dieser Gesamtdarstellung als Mosaikstein der Erosion dieser Diktatur auftaucht, hat man schon wieder vergessen. Die Ossietzky-Oberschul-Affäre etwa (pp 281ff). Da hatten Schüler/innen 1988 an einer Wandzeitung Gedanken zur Militarisierung in der DDR und zum wachsenden Rechtsextremismus veröffentlicht. Die SED reagierte brutal.

Die Schüler/innen wurden aus der FDJ ausgeschlossen, aus der Schule geworfen, einzeln persönlich nach Vorführung in der Schulversammlung zur Schultür gebracht. In einem Fall wurde die Freundin einer Schülerin an einer anderen Schule ebenfalls gemaßregelt und sogar aus der elterlichen Wohnung geworfen. Ein Mitschüler, der Sohn von Egon Krenz, hatte einen Aushang mit nach Wandlitz genommen.

Es half nichts, dass die Schüler beteuerten, sie seien überzeugte Bürger der DDR, trügen die Werte dieses Staates mit und wollten aktiv die Zukunft ihres Landes mitgestalten. (Einer von ihnen hatte sich kurz vorher bewusst für das Bleiben in der DDR entschieden.) Es erging ihnen wie tausenden Schüler/innen zuvor. Im Unterschied zu den 50er Jahren wurden sie wenigstens nicht zum Tode oder zu Zuchthausstrafen verurteilt.

Bleibt zu hoffen, dass diese Art von Schulalltag in der so heftig geforderten Darstellung der Alltagskultur der DDR nicht vergessen wird.

Im Kapitel „Krisensymptome“ (p 108ff) schildert er den Irrsinn der Planwirtschaft. In Produktionsbetrieben war der „Wasserkopf“  nichtproduktiver Werktätiger größer als die Gruppe der Produktionsarbeiter. Die hochsubventionierten Bereiche Wohnen und Grundnahrungsmittel fraßen die Mittel für Investitionen auf.

Die Menschen honorierten laut Kowalczuk, nicht die billigen Grundnahrungsmittel, Wohnungen, Fahrkarten, Kinderkrippen und sicheren Arbeitsplätze. „Arbeiten wie im Sozialismus, leben wie im Kapitalismus“ sei eine Volksweisheit gewesen: Viele wollten billige Mieten, sichere Arbeitsplätze, soziale Sicherheit und das Warenangebot westdeutscher Kaufhäuser.

Die Kosten der heute nostalgisch gefeierten sozialen Errungenschaften seien allerdings schon damals von vielen gesehen worden.  Die Kehrseite der billigen Mieten war die unterbliebene Sanierung von Wohnhäusern. Günstige Fahrpreise passten zur maroden Verkehrsinfrastruktur.

Er schaut auch hinter die Kulissen der vielgerühmten  Errungenschaften. Ein Chefarzt kehrt 1988 von einem Besuch der BRD zurück und berichtet, dass die DDR den hohen Stand der gesundheitlichen Betreuung der BRD nie erreichen werde. Wer in der DDR nicht der gehobenen Funktionärsklasse angehöre, müsse früher sterben (p 122).

Betriebsdirektoren versuchten ab Dezember 89, eigene Wege zu gehen. Durch die Vereinigung konnte verhindert werden, dass mafiaähnliche Strukturen wie in Russland, Rumänien oder  Bulgarien entstanden.

Auch der hastige Kauf von einer Million Jeans in Syrien und anderer goodies (p 431) verhinderte die Revolution nicht mehr.

In einer Gesamtbetrachtung mit dem Schwerpunkt auf die Entwicklungsgeschichte der Revolution können naturgemäß nicht detailliert die Ereignisse nach der Maueröffnung dargestellt werden. Hier empfiehlt sich als Ergänzung das Buch des Zeitzeugen Erhart Neubert: Unsere Revolution.

Alles in allem ist Kowalczuks Buch ein Leuchtturm im anschwellenden Meer der „Es war nicht alles schlecht“-, „Der Westen hat gesiegt“-, „Wir hatten aber den besseren Sex“- Literatur:

Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR von Ilko Kowalczuk, München: Beck 2009, 602 S., 9783406583575

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