2009/02/24...9:29

Spitzenkräfte der Wirtschaft in die Schulen!

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Bundesbildungsministerin Schavan fordert in BILD die Unternehmen auf, ihre besten Mitarbeiter/innen für Physik- und Mathematikunterricht freizustellen.

Dass diese famose Idee ausgerechnet an Rosenmontag das Licht der Öffentlichkeit erblickte, wird bei der Pressereferentin des Ministerinnenbüros wahrscheinlich einen Karriereknick auslösen.

Hessen hat die Förster, die bei der Strukturreform des Forstwesens freigesetzt wurden, wenigstens noch zu einem Crashkurs in die Studienseminare geschickt, bevor sie den Schülern als Biologielehrer vorgesetzt wurden.

Dabei hat die Idee Charme: Investmentbanker könnten als Ethik- und Finazmathematiker als Mathematiklehrer wirken. Pfarrer unterrichten ja schon Religion. Politikunterricht erfolgte durch Mitarbeiter/innen der Parteistiftungen und der Jugendorganisationen der Parteien (peer-education). Die Ganztagsschulen sind schon lange aufgefordert, die Trainer der örtlichen Sportvereine in das Betreuungsprogramm einzubauen. Rechtschreibunterricht erfolgte durch Volontäre des Zeitungswesens.

Da können faule Lehrer sich beruhigt vorzeitig in den Ruhestand versetzen lassen. Merkt gar keiner. Kommt den Staat sogar billiger.

Ein weiterführender Vorschlag: Wenn die Schüler/innen Informationskompetenz hätten – für deren Vermittlung Bibliothekare und Informationswirte bereitstehen -, könnten sie sich auch alles selbst beibringen.

Update:

Eine interessante Variante von Spitzenkräften in die Schule hier!

6 Kommentare

  • [...] wird der Spieß gewissermaßen umgedreht. Dass man im Schnellkurs Lehrer werden kann, ist nicht neu. Jetzt braucht man die Lehrer auch nicht mehr als Führungskräfte in Schule und Schulverwaltung. [...]

  • Politiker als Vordenker ist doch in 99% der Fälle Wunschdenken. Dies zu akzeptieren bedeutet erstmal Frustrationsabbau :-) Wir Juristen haben mit Theologen eines gemeinsam – wir denken in Jahrhunderten…
    Kürzlich habe ich gelernt, dass Bloch von Ungleichzeitigkeiten gesprochen hat. Darüber denke ich noch nach.
    Fürs erste nehme ich den Anstoß als das was es ist – eine alte Idee neu aufgewärmt. Vielleicht ist die Zeit ja doch gekommen?
    Ergänzend zum Thema: http://www.sciencegarden.de/content/2009-02/oeffentliche-wissenschaft-eine-bastelanleitung

  • Richtig! Aber sollten Politiker nicht VORdenken statt hinterherzulaufen?
    Ich habe fast 40 Jahre in kombinierten Haupt- und Realschulen, auch in der Form der Kooperativen Gesamtschule, gearbeitet. Die Idee, das wäre die Schulform der Zukunft ist mir dabei nie gekommen. Letztes Jahr las ich, dass dies das große Zukunftsprojekt der Stuttgarter Bildungspolitik werden solle: Kombischulen. Und FAZ und ZEIT haben das seitenlang begrüßt.

    Kommunikation zwischen Schule und freier Wirtschaft ist ebenfalls ein alter Hut.
    Sollte Hessen wirklich vorn gewesen sein, und wir hätten es gar nicht bemerkt?
    Inzwischen könnte es gerne weniger Kooperation geben. Das Unternehmensberaterdeutsch in den Schulämtern, das Jobhopping jüngerer pädagogischer Führungskräfte – 2 Jahre Stellvertreter, drei Jahre Leiter, 2 Jahre Schulamt und dann ewig Ministerium bis B3 u.v.a.m. sind Früchte dieser Kooperation.

    Lektüretipp: David Lodge, Saubere Arbeit, und Richard Sennett, Der flexible Mensch. Falls meine Erfahrungen nicht verallgemeinerbar sein sollten.

  • Ideen nach ihren Fürsprechern zu beurteilen hieße, mich selbst einzuschränken. Ich mache mir daher Gedanken über die Frage, ob eine Kommunikation zwischen Schule und freier Wirtschaft gewinnbringend – im besten Fall für beide Seiten – sein kann. Dass die Äbtissin irgendwo dieselbe Idee aufgeschnappt hat, schreckt mich ebensowenig ab, wie die Tatsache, dass sie ein paar Details nicht zu Ende gedacht hat.
    Vielleicht sind wir garnicht so weit auseinander, wenn wir die ministeriale Propaganda auf die Quintessenz reduzieren?

  • Die mir bisher als einigermaßen seriös bekannten Spiegel und Handelsblatt zitieren übereinstimmend den BILD-Text, z. B. Spiegel online:
    „Ich fordere alle Unternehmen auf, ihre Top-Mitarbeiter für den Schulunterricht freizustellen“, sagte Schavan der „Bild“-Zeitung. Ingenieure aus der freien Wirtschaft könnten demnach zwei Stunden pro Woche Physik unterrichten oder Mathe. Ein Austausch würde „sinnvolle Impulse für die Schüler bringen“.

    „Für den Unterricht zwei Stunden pro Woche freistellen“ ist zumindest interpretationsbedürftig.
    „Austausch“ meint etwas in beide Richtungen. Nun kann Schule laut Wößmann, der auch schon intelligentere Studien gemacht hat, nicht mit Spitzenkräften dienen. Wozu überhaupt Austausch? Das kostet doch Vertretungsverträge für die Ersatzlehrkräfte, die die Ausgetauschten während des Austauschs vertreten. Unterricht soll ja nicht ausfallen. Also am Wochenende oder statt auf die Malediven, wo sich Lehrer in den langen Ferien zu treffen pflegen, in den Sommerferien in die Produktion.
    Sollen die Chemielehrer ihre Kenntnisse in der Pharmaforschung auffrischen?

    Je länger ich darüber nachdenke, – will ich gar nicht: Frau Schavan war schon vorher zumindest im öffentlichen Auftreten eine ziemlich uninspirierte Person – desto peinlicher wird es für die Politikerin.

    Wollen Sie die Pressesprecherin bei Frau Schavan werden?

  • Eine Nachricht ist, was man daraus macht, oder? Die mir zugänglichen Quellen, die ich überprüft habe, sprechen alle davon, dass Frau Minister persönlich mit der Bild gesprochen hat – keine Gefahr für die Pressesprecherin :-)
    Außerdem ist nicht von einem Ersatz von Lehrern, sondern von ergänzenden Impulsen die Rede, wie es an Universitäten schon lange praktiziert wird. Aber dort wird natürlich auch kein pädagogischer Anspruch erhoben.


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