Eine Schülerin aus Fürstenwalde beklagte sich bei Bildungsminister Rupprecht, dass dieser Teil der Geschichte kaum im Unterricht vorkomme. Rupprecht wies die Vorwürfe zurück.
Gerade hatte er doch während eines Schulbesuches betont, dass die Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte auch in den Schulen eine wichtige Rolle spielen würde. „Ich wünsche mir, dass unsere Kinder und Jugendlichen erfahren, wie das Alltagsleben in der DDR aussah und welche Schattenseiten die DDR hatte.“
Wenn man mit Wolfgang Klafkis kategorialer Bildung im Kopf Unterricht planen müsste, wäre man angesichts dieser Zielvorgabe des obersten Dienstherrn in Brandenburg ein wenig ratlos.
Es fällt schwer, der Landesregierung zu glauben, dass sie genügend tut:
Im Entwurf zum Gedenkstättenkonzept v. 15.1.09 steht im Kapitel „Handlungsbedarf und Perspektiven“: „Bislang wurde die Geschichte von Opposition und Widerstand in der SBZ und DDR in sehr geringem Maße in zeitgeschichtlichen Ausstellungen und Museen Brandenburgs zum Ausdruck gebracht.“ (pp 78ff) Vorhaben, von denen man glaubte, dass sie seit 20 Jahren umgesetzt würden, werden vorgeschlagen: Das Museum für Alltagskultur in Eisenhüttenstadt soll gebeten werden, den Gesichtspunkt „Repression im Alltag“ zu berücksichtigen!
Dann fällt die Untersuchung zum Schülerwissen verheerend aus. Brandenburg hat sich – vorausschauend ? – nicht an der Finanzierung der Studie beteiligt. Zu einer öffentlichen Veranstaltung in Potsdam wird aber ein Hamburger Professor eingeladen, um die Studie zu zerpflücken.
Der Finanzminister legte 2007 letzte Hand an die Überarbeitung der noch aus der Stolpe-Zeit („Brandenburg – unsere kleine DDR“) stammenden Richtlinien und kippte u.a. den Vorschlag einer vergleichenden – nicht gleichsetzenden – Betrachtung der beiden deutschen Diktaturen. Auch der Satz: Die Auseinandersetzung mit der DDR sei genau so ein wichtiges Thema wie der Nationalsozialismus, wurde laut Potsdamer Neuesten Nachrichten vom 14.12.07 vom Finanzminister gestrichen.
Bücher von Robert Gellately: Lenin, Stalin und Hitler oder von Alan Bullock, Hitler und Stalin dürften aber bei der Unterrichtsvorbereitung in Brandenburg benutzt werden. (Ob es jemand tut, wäre eine interessante Frage.) Denn es gibt Juristen, die die grundgesetzliche verbürgte Freiheit der Wissenschaft auch für Lehrkräfte sehen, die ihrem Diensteid gemäß wissenschaftsorientiert Unterricht planen.
„Anlässlich des 20. Jahrestages der friedlichen Revolution will die Landesregierung 2009 einen Schülerwettbewerb organisieren“, hieß es in einer Pressemitteilung (Siehe update 11.5.09!) des Bildungsministeriums ebenfalls vom 14.12.07. Seither hat man nichts mehr davon gehört.
Ein Antrag, den Geschichtswettbewerb endlich anzusetzen und die Schulen wenigstens mit einem Bücherpaket zur DDR-Geschichte auszustatten, dümpelt seit Monaten im Landtag vor sich hin, weil sich nicht alle Parteien damit anfreunden können. Für das laufende Gedenkjahr käme es inzwischen auch zu spät und ab 2010 herrscht ja erst mal wieder Ruhe.
Update 14.02.09
Der Potsdamer Historiker Martin Sabrow setzt sich in der FAZ vom 4.2.09 (Für 1 € im FAZ-Archiv zu haben) kritisch mit der Umfrage der Professoren Deutz-Schroeder und Schroeder zum Schülerwissen über die DDR auseinander und lässt kein gutes Haar an der Studie: Die Abweichung vom kanonisierten Geschichtsverständnis der Befragung werde als Unkenntnis definiert. Unterschiedliche „Erzählungen“ von der DDR würden nicht respektiert.
Es macht nachdenklich, dass man sich gerade in der Landeshauptstadt Brandenburgs so viel Mühe gibt, die Untersuchung zu kritisieren. Die Verharmlosung der DDR, die mit der Regierung Stolpe begann, setzt sich bis heute fort.
Selbstverständlich konkurriert politisch-historische Wissensvermittlung in der Schule mit gesellschaftlichen und familiären Sozialisationsinstanzen.
Der Lösungsansatz von Prof. Sabrow dokumentiert aber auch nur Hilflosigkeit: Schüler/innen sollten auf der Basis des im Unterricht erworbenen Wissens(!) in persönliche Begegnung mit Zeitzeugen treten und die eigene Sicht sich in der Begegnung mit anderen Perspektiven bewähren.
Wohin das führt, lässt sich in Schulen beobachten: Da erzählen Stasi-Zeitzeugen, dass es in Hohenschönhausen sehr fürsorglich zuging. Die DDR-Aufarbeitung mit zu vielen Opfer-Zeitzeugen überfrachten, will ja auch Prof. Sabrows Institut nicht. Bestenfalls führt die Zeitzeugen-Begegnung zur Äquidistanz: Ganz so schlimm war es in der DDR wohl doch nicht. Oder wie kürzlich in Kleinmachnow ein Schüler zu einem Zeitzeugen sagte: „Hier soll wohl Werbung für die Demokratie gemacht werden.“
Alle Weblog-Einträge zu DDR.
Update 2.3.09
Frau Birthler, die als brandenburgische Bildungsministerin wg. der Stasi-Vorwürfe gegen Stolpe zurückgetreten war, erneuert ihre Vorwürfe gegen die lasche Haltung Brandenburgs in Sachen DDR-Aufklärung.
Erstaunlich, wie drastisch Fachleute den Weg Brandenburgs sehen: Ein Historiker der Birthlerbehörde spricht von einer „Komödie“ (der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit).
Ein Mitglied der Untersuchungskommission des Landtages zur Affäre Stolpe (3 Verkehrsunfälle, an denen Kommssionsmitglieder beteiligt waren. Einer davon tödlich.) meint, Brandenburg hätte an Nordkorea verschenkt werden sollen.
Die Leiterin der inzwischen geschlossenen Außenstelle der Birthlerbehörde in Potsdam spricht von Brandenburg als dem Schlusslicht bei der Aufarbeitung des DDR-Unrechtssystems.
Update 11.5.09
Ich stelle gerade fest, dass der Link zur Pressemitteilung des MBJS v. 14.12.07. ins Leere führt. Die Suche auf der Ministeriumsseite enthält keinen Eintrag mehr unter dem 14.12.07. Von dort hatte ich den – jetzt ungültigen – URL kopiert.
Freundlicherweise hat mir die Pressestelle des Ministeriums das Dokument zugeschickt und mitgeteilt, dass der Landtag einen Wettbewerb ausgeschrieben hat. Auf dem brandenburgischen Bildungsserver wurde die Nachricht am 16.3. eingestellt. Einsendeschluss ist am16.7.
Nachtrag:
Beliebte Argumentationsfiguren bei der Aufarbeitung der DDR-Diktatur sind Vergleiche mit Westdeutschland und die Äquidistanz zu beiden deutschen Staaten.
Konkret könnte das so lauten: „Wir hatten Hohenschönhausen, ihr hattet die Berufsverbote.“ Oder „Bei Euch stand Brecht lange auf dem Index, bei uns gab es Mickey Maus und Sartre nicht.“
Oder wie Volker Ulrich in der ZEIT bei der Rezension eines Jugendsachbuches über die DDR den Unterschied wegbügelt, ob eine Diktatur ihren gesamten Repressionsapparat gegen Jeans- und Rock´n-Roll-Liebhaber einsetzt oder eine westliche Vätergeneration darauf aggressiv reagiert.
Das berlin-brandenburgische Lehrerfortbildungsinstitut LISUM schlägt in einem Flyer „Die DDR als Unterrichtsthema. Geschichte“ folgendes Referat vor: „Antifaschismus in der DDR -Vergangenheitsaufarbeitung in der Bundesrepublik. Einseitigkeiten auf beiden Seiten?“ Ein Referat „Der Mythos von der antifaschistischen DDR“ wäre für Schüler/innen in der ehemaligen DDR näher liegend.
Das Schema ist aus der DDR-Schule bekannt. Tausendfach stand es auf den Tafeln:
| DDR | BRD |
| soz. Staat | imp. Staat |
| antifasch. | fasch-imp. |
| AK hat die Macht | Monopolkap. haben die Macht |
Statt der Vergleiche zwischen West und Ost, wie sie in der DDR-Schule beliebt waren und jetzt im LISUM sind, sollte man die unterschiedlichen Sichtweisen auf die DDR, die es innerhalb der ostdeutschen Gesellschaft gibt, thematisieren.
Vergleiche dazu den erhellenden Praxisbericht einer Lehrerin!
Die Zeitschrift „Horch und Guck“ aus deren Archiv der Aufsatz stammt. ist eine hervorragende Fundgrube zum Thema SED-Diktatur.
In der Diskussion darüber, wie es in der DDR nun war, fehlen Begriffe wie Sozialismus oder Planwirtschaft fast völlig. Oder, wie es in einer Untersuchung über Lehrpläne zurückhaltender heißt: Die grundsätzliche Charakterisierung des gesellschaftlichen Systems mit seinen politischen, ideologischen und ökonomischen Komponenten findet zwar in Ansätzen statt, wird aber kaum detailliert ausgeführt.
Daher ein Hinweis auf das grandiose Buch von Karl Schlögel: Terror und Traum. Moskau 1937.
Das ist der Schoß, in dem die DDR entstand. Traum und Terror, das war sie auch.
Aber den sozialistischen und den nationalsozialistischen Terror darf man nicht vergleichen. Die Berliner Linkspartei-Politikerin Evrim Baba folgt Finanzminister Speer: Sie warnt laut taz v. 13.11.09 davor, linke und rechte Gewalt in der Berliner Militanten-Szene gleichzusetzen. So kann man das auch sehen: Die von Stalin Ermordeten sind für eine gute Sache gestorben.




3 Kommentare
2009/09/05 um 6:08
Im Regierungsprogrammprogramm 2009-2014 der SPD-Brandenburg steht nichts mehr von Bemühungen zur Verbesserung des Schülerwissens über die DDR.
Sogar die Landeszentrale für politische Bildung bekommt das nicht als Schwerpunktaufgabe. Die hat sich laut Regierungsprogramm auf die Bekämpfung des Rechtsextremismus zu konzentrieren.
2009/08/07 um 10:45
Bei einem anderen Thema kann ich die brandenburgische Landesregierung nur loben: Den Völkermord an den Armeniern hat sie, ergänzt um eine Handreichung des LISUM, im Lehrplan. Es ist das einzige Bundesland!
Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland befürchtet, dass türkische Schüler in Brandenburg darob so geschockt sein werden, dass ihre Psyche und ihre Schulleistung dauerhaft beeinträchtigt sind.
Auch gegen die Potsdamer Gedenkstätte für Pfarrer Lepsius will er vorgehen. Lepsius hatte früh auf den Völkermord aufmerksam gemacht.
Man kann nur hoffen, dass die Landesregierung standhaft bleibt. Vielleicht entwickelt sie bei der Aufarbeitung der DDR einmal eine ähnlich wegweisende Haltung.
2009/07/01 um 11:05
Siehe auch den Beitrag zum Vorschlag eines DDR-Alltagskulturmuseums in Potsdam.