Die DDR lebt!

In Kleinmachnow, vor den Toren Berlins gelegen, unweit des ehemaligen Grenzübergangs Dreilinden, findet in einer 10. Klasse ein Zeitzeugenbesuch statt: Eine Frau, deren Leidensgeschichte auch verfilmt wurde. Sie hatte, etwas naiv und unbedacht, regimekritische Parolen auf die Straße gemalt und wurde zu 5 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Die Schüler/innen finden die DDR-Darstellung zu negativ. Aber der Höhepunkt kommt noch: “Ist das hier eine Werbeveranstaltung für Demokratie?” fragt die junge Lehrerin ungehalten. (Potsdamer Neueste Nachrichten v. 29.11.08)

Zur Bekämpfung der friedlichen Montagsdemonstranten in Leipzig ließ die SED Fallschirmjäger aus Lehnin verlegen. Sie kamen glücklicherweise nicht zum Einsatz. Als die jungen Männer erfuhren, wozu man sie beinahe eingesetzt hätte, demolierten sie vor Wut ihre Kaserne. Sie hatten mehr verstanden als die überforderte Kleinmachnower Lehrerin.

Zeitzeugenbesuche in Schulen werden in Brandenburg nicht von der Landesregierung finanziert, sondern durch private Spenden.

Ich mache gleich weiter. (Dies soll zwar ein Schulbibliotheksblog sein, aber ich bin  fassungslos und muss das loswerden.)

Der ehemalige DDR-Korrepondent der ARD, Hans-Jürgen Börner, zeigt im Berliner Rathaus vorab seinen Film “Meine Stasi” über die IMs, die auf ihn während seiner Tätigkeit in Ostberlin in den 80er Jahren angesetzt waren. Er versucht, mit allen Spitzeln ins Gespräch zu kommen, macht keinem Vorwürfe, will zuhören. Er zeigt im Film die Bandbreite der IMs auf, den gläubigen Kommunisten, den Ängstlichen, den Reuigen, den Ehemann, der seine Frau bespitzelte, den Wendegewinner, der immer obenauf schwimmt.

Als er in Zossen 2007 einen seiner ehemaligen IM auf der Straße bei laufender Kamera anzusprechen versucht, kommt einer aus dem Rathaus gelaufen und will das Drehen verbieten: “Haben Sie eine Drehgenehmigung? Hier in Zossen müssen Sie Filmaufnahmen vom Rathaus genehmigen lassen!” Mit einer ähnlichen Sequenz in Ostberlin hatte der Film begonnen.

Ein Jahr später, 2008, hätte Börner den Film wahrscheinlich gar nicht mehr machen können. Dr. Gysi und seine Genossen haben es geschafft, dass Gerichte die Namensnennung von Spitzeln untersagen. Das beeinträchtige inzwischen auch die wissenschaftliche Aufarbeitung der SED-Diktatur, klagt ein Mitarbeiter der Birthler-Behörde.

Die Idee eines Geschichtswettbewerbes á la Körber-Stiftung, “Spurensuche DDR”, kann man vergessen. Die Pfarrer und Lehrer, die sich mit Klassen auf Spurensuche begeben, werden mit Klagen überzogen.

Abgesehen von der juristischen Seite: Ich habe es gerade erlebt: Mit der Brandenburger SPD ist eine Medienkiste, ähnlich wie die hessische “Ampelmännchen und Todesschüsse”, nicht zu machen. Man will den zukünftigen Koalitionspartner wohl nicht reizen.

In Berlin-Lichtenberg hat 2007 die postkommunistische Bezirksbürgermeisterin eine  Ausstellung über Antisemitismus in der DDR aus dem Sitzungssaal entfernen und in einem ungeeigneten Flur die Tafeln mehr oder weniger abstellen lassen.

Siehe in diesem Blog auch  alle früheren Nachrichten zum Thema “DDR” oder “DDR im Unterricht”!

Auch wenn es nicht ganz in die Beispiele unter dieser Überschrift passt, weil es um reale Begebenheiten geht und nicht um das, was sich in den Köpfen abgelagert hat, aber ich bin immer noch überrascht von der Bemerkung  Katharina Thalbachs, dass sie gerne noch einmal beim Experiment DDR mitmachen möchte. (Vielleicht nimmt sie erst einmal Mäuse als Versuchskaninchen.)

Eins weiß ich, ein Päckchen mit Bohnenkaffee, Orangen und einer neuen Kurbelwelle schick´ich ihr dann nicht, falls ich überhaupt Gelegenheit dazu hätte. Denn das Experiment dürfte sich ja dann auf die gesamte “BRD” erstrecken. West-Berlin dürfte dem Experiment DDR” aber fehlen. Oder woher will man die fehlenden Produkte kriegen, z.B. die Lebensmittel für Wandlitz oder die Armaturen für die Villen der politischen Klasse?

Frau Thalbach hat gut reden. Sie gehörte zu den Privilegierten und durfte sogar übersiedeln, als sie vorübergehend einen nichtsozialistischen Staat attraktiver fand. Für die Oberschicht, zu der auch angepasste Künstler gehörten, gab es Volvos, für die Ostberliner Wartburgs mit VW-Motor und für den doofen Rest Trabbis.

Das Statistische Bundesamt veröffentlicht in seinem Jahrbuch 2008, S. 398, die Einstellung der Bundesbürger zum Sozialismus. 76% der Ostdeutschen (Westdeutsche 45%) halten ihn für eine gute Idee, die nur schlecht realisiert worden war. (Dort auch weitere interessante Werte, etwa Einstellung zur Demokratie.)

Ganz ähnlich war das ja mit dem Nationalsozialismus. Bis in die 60er Jahre war das ja auch die Mehrheitsmeinung über den Nationalsozialismus. Der war Fürsorgediktatur: Volkswohlfahrt und Volksgemeinschaft.  Aber halt, Vergleiche zwischen Sozialismus und Nationalsozialismus sind aus dem brandenburgischen Lehrplan entfernt worden. Dank einer Intervention des SPD-Finanzministers Speer, wie die Zeitungen unwidersprochen berichten.

Nachtrag:

Der Vorsitzende der Pressekammer des Landgerichts Hamburg, Buske, und ein Kollege in Berlin werden vor allem von Rechtsanwalt Dr. Gysi gerne angerufen, weil sie verlässlich die Pressefreiheit zugunsten von IMs einschränken und deren Namensnennung auch in Ausstellungen und Dokumentationen verbieten. Wie schön, dass der Rechtststaat den Unrechtsstaat schützt.

Nachtrag 28.6.2009

Wer durch zwei große Potsdamer Buchhandlungen schlendert, erfährt wahrscheinlich mehr über den Stand der DDR-Aufarbeitung als in Gedenkreden des Jahres 2009. Da findet sich schon mal ein Band von Kowalczuks Endspiel, ein Buch von Erhard Neubert und von Hubertus Knabe. Dazwischen aber die Stapel der Bekenner- und Rechtfertigerliteratur: “Wir waren nicht pleite”, “Der Westen hat gesiegt”, “Schluss m it den Lügen über die DDR!” Daneben die Biographien von Krenz und Markus Wolf. Das ist anscheinend das, was gut geht.

Nachtrag 22.7.09

Der Bürgermeister von Prenzlau ist noch nicht in der Gegenwart angekommen. Erst will er eine Sozialwohnung haben, die schon vergeben ist. Dann verleiht er einem Mitarbeiter -natürlich nur im Spaß – den Orden “Banner der Arbeit”, die Urkunde ordentlich mit einem Honecker-Faksimile unterzeichnet.

Da sind mir alle die ehemaligen Nomenklatura-Leute, die heute unauffällig als Polizeipräsidenten, IHK-Vorsitzende, Zeitungs- und Fernsehredakteure, Verbandschefs, Rechtsanwälte, Fraktions- und Ausschussvorsitzende, Bankmanager usw. arbeiten, lieber. Nach 1945 wurden die vielen nationalsozialistisch Belasteten auch integriert. (Auch in der SBZ/DDR!) Wenn die Mehrzahl begreift, dass Demokratie und Marktwirtschaft besser sind als Diktatur und Planwirtschaft, sei´s drum. Nur, während die Erinnerung an das “Dritte Reich” verblasste und vor allem die “Schattenseiten” erinnert werden, wird in Ostdeutschland die DDR immer rosiger gesehen.

Nachtrag 23.08.09

Passend zum Gedenktag des Hitler-Stalin-Paktes berichtet die rbb-Abendschau über eine Demonstration von Kommunisten zum Erhalt einer Thälmann-Gedenkstätte in Königs-Wusterhausen. Der Wortführer darf ein paar Sätze ins Mikro sprechen. Als ob es um einen beliebten Heimatdichter ginge.

Da werden Millionen für die Aufarbeitung der SED-Diktatur ausgegeben. Es wird lamentiert über das geringe Schülerwissen. Und der rbb betreibt “Heimatkunde”. “Teddy” war einer der Totengräber der Weimarer Republik, er hat den stalinistischen Terror unterstützt. Bloß nicht dran rühren. Gäbe es Ärger mit linken Rundfunkräten?

“Weglassen ist eine einfache Form der Lüge”, sagt Christoph Hein.

Nachtrag 5.9.09

Egal wie klein und entlegen das Dorf ist, was es immer gibt in den neuen Bundesländern: Eine Straße des Friedens, der Freundschaft, der Einheit, der Jugend. Was es nirgendwo gibt: Eine “Straße der Friedlichen Revolution”.

Über Basedow1764

Die älteste Forderung nach Schulbibliotheken ist bei dem Schulreformer Johann Bernhard Basedow (1724 - 1790) zu finden. Daher der Name dieses Weblogs.
Dieser Beitrag wurde unter DDR, Schule, Unterricht abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Die DDR lebt!

  1. basedow1764 schreibt:

    Die DDR wäre mausetot, behauptet Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck. Damit meint er allenfalls die häßliche, real existiert habende. Die DDR, über die zurzeit geredet wird, ist ja ein Wunschtraum gläubiger Sozialisten und Bürgerrechtler.
    Im Wettrennen um die beste Weißwaschung der DDR hat Frau Schwan die Nase vorn. Die Rechtsprechung der Arbeits- und Verkehrsgerichte sei gar nicht so schlecht gewesen, meint sie. Knapp hinter ihr Platzeck, dessen Spiegel-Interview insgesamt gesehen ganz passabel ist. Aber “mausetot”, gerade in Brandenburg, da ist der Wunsch der Vater des Gedankens. Immerhin nennt er nicht Schule als Pluspunkt der DDR, sondern die Polikliniken. Warum eigentlich nicht die Regierungskrankenhäuser? Die waren viel besser als die Polikliniken.

  2. basedow1764 schreibt:

    Der Kampf gegen die “Abweichler” in der hessischen SPD-Landtagsfraktion geht auch nach der Landtagswahl weiter: Frau Metzger soll demnächst aus der Partei ausgeschlossen werden.

    In Berlin hat die Partei “Die Linke” eine Sozialquote an Gymnasien gefordert: Eine bestimmte Anzahl von Kindern von Hartz-IV-Empfängern sei aufzunehmen.
    Man kann es positiv sehen: Als die Partei noch SED hieß, durften Kinder, deren Eltern nicht Arbeiter o. Bauern waren (mit Ausnahme von Angela Merkel) gar nicht erst aufs Gymnasium (EOS). Da ist die vorgeschlagene Quotenregelung fast schon neo-liberal.

  3. basedow1764 schreibt:

    Die DDR lebt auch in Frankfurt/M.: Wenn man der FAS v. 14.12.08 Glauben schenken darf, hat die SPD-Politikerin Ulli Nissen, Mitglied des Unterbezirksvorstandes Frankfurt und Bundestagskandidatin, über die vier “Abweichler” geschimpft und über Carmen Everts im Stile Mielkes gepoltert, ihr müssten “die Beine abfaulen”. Dafür habe sie viel Beifall erhalten.
    Abweichlerin Silke Tesch wurde als 8Jährige von einem LKW angefahren und hat ein Bein verloren.
    Ein stellvertretender Landtagspräsident, der ebenfalls der SPD angehört, nannte die vier (von den ursprünglich 20 Gegnern einer Kooperation mit der Linkspartei in der Landtagsfraktion) “Schweine”.

    Immerhin: In Hessen werden Abweichler nicht mehr erschossen.

    Update 15.12.08:
    Die SPD-Politikerin Nissen hat sich in einem Offenen Brief entschuldigt. Sie hätte von der Beinamputation Silke Teschs nichts gewusst. Es sind ihr auch Zweifel gekommen, ob ihre Wortwahl überhaupt angebracht gewesen sei.

    Sie hat verkündet, dass sie sich für ihre Wortwahl schäme.

    Update 17.12.08:
    Frau Nissen scheint Drastik zu lieben. Schon früher hat sie vor laufender Kamera die “Abweichler ” ins Mittelalter gewünscht. Da hätte man solche Personen nämlich geteeert, gefedert und gevierteilt.
    Kommt mir das nur so vor, oder ist die Sprache der Politiker verroht?
    (In der hessischen CDU reden manche Herren auch nicht immer druckreif.)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s