Ich arbeite gerade US-amerikanische Schulbibliotheksbücher durch, die schon lange im Regal liegen. Mich beeindrucken die Titel solcher Bücher, z.B. “Kritisch denken lernen mit Internet-Primärquellen” von Roxanne M. Kent-Drury. Der Inhalt ist dann schon mal banal, wie jetzt wieder hier. Es handelt sich um annotierte Webseiten zu Literaturgeschichte, Religion, Alter Geschichte u.a. Für Lehrer und – kürzer – für Schüler gibt es Diskussionsfragen, Navigationshinweise und Links zu verwandten Seiten.
Erstaunlich, wie unbefangen da islamische Seiten genannt werden. Auf der einen lese ich eine Lobpreisung Tarik Hamadans, dem umstrittenen, zwischen Islamismus und weichgespültem europäischem Islam schillernden Wissenschaftler, der jetzt gerade eine Kampagne zur Rettung der Zwangsheirat unterstützt: “Eine Heirat ist immer ein Bündnis zwischen Familiengruppen.” Nekla Kelek dokumentiert seine Strategie in der FAS.
Wie sollen Schüler solche Webseiten evaluieren können, wenn noch nicht einmal in diesem Lehrhandbuch ein kritischer Hinweis zu den Urhebern der Seite gegeben wird? Da ist es doch beruhigend, auf ein amtlich genehmigtes deutsches Schulbuch zurückgreifen zu können, das kontroverse Quellen aufbereitet hat.
Bei dieser Gelegenheit schaue ich auch beim Washingoner Holocaust Memorial Museum vorbei. Es lohnt sich für Geschichtslehrer/innen, die Website dieses Museums zu beachten. Dort sind verschiedene Materialien online zugänglich. Z. B. die erst kürzlich entdeckten Fotos des SS-Mannes Karl Höcker über das Lager Auschwitz und die Betriebsausflüge des Personals in ein SS-Erholungsheim in der Nähe. (Der Stern zeigt sie auch.) Oder Video-Clips aus dem Steven-Spielberg-Archiv u.a. mit wenig bekannten deutschen Wochenschau-Berichten. Auch ein Propagandafilm des US-Militärgeheimdienstes von 1947 steht dort, der – warum auch immer – die ukrainische Bevölkerung nach den Nazi-Greueln pro-sowjetisch beeinflussen sollte! Angesichts der Verbrechen, die Sowjets (und Polen) an den Ukrainern begangen haben, ein bemerkenswertes Unterfangen.
Und gleich noch ein Link zu Nazi-Plakaten.
Also hat sich die Lektüre doch gelohnt! Und zu wissen, dass es in USA Schulbibliotheksliteratur und Fachzeitschriften gibt, z.B. bei Libraries Unlimited, ist ja für einen damit in seiner Heimat nicht so verwöhnten Deutschen auch gut.

