2008/07/14...3:44

Verändert sich unser Gehirn durch Google und Co?

Zu den Kommentaren

Nicholas Carr hat in The Atlantic einen nachdenklich machenden Aufsatz publiziert: Is Google making us stupid?

Er stellt an sich selbst und anderen fest, dass die Art am Bildschirm zu lesen, von link zu link zu hüpfen, anzulesen, wegzudrücken, ihn unfähig macht ein längeres Buch zu lesen.

Er fragt nach, inwieweit Computer und Internet Wahrnehmung und Denken verändern. Dabei geht er zurück bis Plato, der die Erfindung der Schrift kritisiert, weil das Gehirn sich nichts mehr merken müsse. Nietzsche habe seinen Schreibstil verändert, als er die Schreibmaschine benutzen musste.

In Stanley Kubricks “2001″ sei HAL das Wesen, das Gefühle äußere, bevor es abgeschaltet werde, während die Menschen wie Roboter agierten.

Spannend zu lesen und ein Fingerzeig, es mit dem Internet-Hype in der Schule nicht zu übertreiben.

Die British Library erklärt die Google-Generation zu einem Mythos und verweist auf eine Untersuchung, die auf ein sehr oberflächlichliches Suchverhalten belegt: Information Behaviour of the Researcher of the Future.

Mein ehemaliger Landrat ist immer noch stolz darauf, dass er die Lehrer von Schülern im Gebrauch von Computern schulen ließ. Wer meinte, das könne nicht der Königsweg in die Informationsgesellschaft sein, sah bei ihm alt aus.

Update 26.07.08

Oliver Jungen schreibt in der FAZ v. 26.7.08 über Carr, dass dessen Thesen nichts Neues seien. (Da hat er recht.)

Wer im Netz verblöde, sei selber schuld. Seine Bekannten seien im Netz und läsen trotzdem Bücher.

Das erinnert mich an die Argumentation, die meine Lehrergeneration , ich eingeschlossen, pflegte: Wir hatten in der Schule drei Durchgänge  durch die Geschichte „genossen” und die berüchtigte Chronologie als mentales Gerüst verinnerlicht, was uns erlaubte, Kriege, Herrscher und Baustile problemlos einzuordnen und aufeinander zu beziehen. Unsere Schüler unterrichteten wir aber nach dem Slogan „Weg mit der Chronologie”.  Im Abitur wurden ca. 15 Fächer geprüft, in denen wir was wissen mussten. Unsere Schüler unterrichteten wir aber nach dem Motto: „Man muss nur wissen, wo was steht.”

Die akademisch gebildeten intellektuellen Edelfedern der FAZ, die Georg Simmel zitieren, das Abundanzproblem der Konversationstheorie des achtzehnten Jahrhunderts extemporieren und wissen, wie Goethe das Problem sah, verblöden nicht, wenn sie jetzt auch mal googeln. Ob  zukünftige Akademiker, die nur noch googeln, das jemals können? Auch wenn ich weiß, dass Fernsehen den Staubsauger nicht überflüssig macht – oder war es das Fahrrad, das es trotz des Flugzeuges immer noch gibt? – da wachsen bei mir doch die Zweifel.

Wer nicht lesen will, kann auch´s hören: ausgerechnet meine Lieblingssendung “Der Tag” in hr2 hat die Untersuchung erörtert.

Den Hinweis verdanke ich Martin Riemer http://www.schulblogs.blogspot.com/

Update 22.11.08: Susanne Gaschke setzt sich in der “Zeit”, Nr. 48, p. 3,unter “Die digitale Erlösungslehre” kritisch mit den Verheißungen der Propheten der Digitaliserung auseinander. Diese behaupteten, dass mit den Computern und dem Internet das Zeitalter der Wissensgesellschaft anbräche. Sie hält mit Befunden von Allensbach, den häufigsten Google-Suchwörtern und der letztlich unerforschten Wirkung von “Schulen ans Netz” dagegen.

Sie schließt versöhnlich: “… das freie Menschen das Recht haben müssen, diese Technik zu benutzen, ohne sie anbeten zu müssen.”

(Im online-Archiv der “Zeit” habe ich den Artikel nicht gefunden.)

Siehe auch ibrain!

4 Kommentare

  • [...] Die Evolution des Gehirns durch den Computer Zu den Kommentaren Die Diskussion, wie die neue Medienwelt das Gehirn beeinflusst, geht weiter:  “Wie die neue Medienwelt [...]

  • [...] Diskussion zwischen Nicholas Carr und Clay Shirky. Deutsche Blogger schreiben u.a. hier und [...]

  • Also, wer bis Plato zurückgeht, sollte eigentlich merken, dass das ein Diskurs ist, der jedes neue Medium begleitet: immer ist es das jeweils neuste Medium, dass der Menschheit droht, dumm zu werden. Und immer tritt das so nicht ein, vielmehr entwickelt sich einfach nur ein neuer Umgang mit den jeweils vorhandenen Medien (Das ist dann ein weiterer Diskurs, der neue Medien begleitet: immer wird ihnen vorgeworfen, dass sie omnipräsent zu werden drohen, obwohl sie sich in der Realität immer nur in einen vorhandenen Medienmix einordnen). Einerseits muss man die in diesem Diskurs geäußerte Angst vor der zukünftigen Entwicklung wahrnehmen, aber muss man ihr auch wirklich folgen? Das Fernsehen hat die Welt nicht dumm gemacht, sondern auch Großartiges hervorgebracht (Futurama). Das Radio hat die Menschen nicht alleine zu Zombies gemacht (obwohl es richtig ist, dass es für die Organisation von Genoziden eingesetzt wurde), sondern auch eine eigene Hörkultur hervorgebracht. Der Roman hat die Welt auch nicht schlechter gemacht, trotz Rosamunde Pilcher.
    Also: “Google und Co” verändern unsere Mediennutzung, aber dümmer macher sie “uns” nicht. Genausowenig, wie die Personalcomputer (die ohne Internet) oder die Videorekorder uns nicht dümmer gemacht haben.
    Und das Schülerinnen und Schüler heute eher ins Netz schauen, als ins Lexikon – wie im obrigen Kommentar angesprochen – ist doch auch nur nachvollziehbarer Teil der Medienentwicklung: es ist halt praktischer. Ins Lexikon schauen war ja auch praktischer, als sich extra Experten zu suchen, um Faktenfragen beantwortet zu bekommen. [Das Argument sieht jetzt mal von der gesellschaftlichen Funktion früher Lexika ab.]
    “Google und Co” bringt auch seine Probleme mit, aber irgendwie kann ich die Angst nicht nachvollziehen. Mediennutzung ändert sich. So what? [Zumal ich die bisherigen Studien zur Mediennutzung eher so in Erinnerung hatte, dass gerade die Menschen das Internet intensiv nutzen, die auch andere Medien effektiv nutzen.]

  • Sowas ähnliches habe ich auch schon einmal gelesen – die ganzen kleinen Alltagshelfer, wie Notizblock, Handy … die uns dabei helfen, an gewisse Sachen zu denken, machen unser Gehirn träge. “Geistiges Kanapee”

    Welcher Schüler schaut auch noch in ein Lexikon, wenn das Internet weitaus bequemer ist?


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