2008/07/02...7:33

ENRON und die Schulleiterqualifikation

Zu den Kommentaren

Es ist Sommerpause, daher schweifen die Gedanken von der Schulbibliothek ein wenig ab:

Ich lese gerade, dass Brandenburg die Schulleiter besser qualifizieren will. In Hessen habe ich davon schon einen Vorgeschmack erlebt.

Hauptredner auf einem Fortbildungstag war ein FH-Professor, der als erstes erzählte, dass er zwei Unternehmensberatungsfirmen vorstehe.

Der Schulleiter wird als Manager gesehen, der Schulqualität zu produzieren hat, der ein Kollegium formt, der ein Schulprofil entwickelt, der ein wachsendes Budget verwaltet. Die Instrumente dafür hat er aber nicht. Er soll z. B. Personalentwicklung betreiben, darf aber nicht einstellen und entlassen.

Und die Schüler/innen sind die Kunden. Bildung ist das, was die Personalabteilung beim Einstellungsgespräch erwartet.

Ausgewählten Schulleiterinnen und Schulleitern wurden Unternehmensberater als Pate zur Seite gestellt. Eine Kollegin bekam als Paten den Regionalchef von accenture.

Accenture ging aus Artur Andersen hervor.

(Update 222.07.08: Siehe dazu den Kommentar von alphager.)

Die Firma Andersen war Berater und Wirtschaftsprüfer von ENRON. Hoffentlich vertritt der Pate eine bessere Unternehmensethik als seine Ursprungsfirma.

Der Zusammenbruch von ENRON (Spiegel/Zeit) schädigte amerikanische Pensionsfonds um 1,2 Mrd Dollar. 30.000 Menschen wurden bei ENRON arbeitslos. Die Bosse hatten jahrelang den Aktienkurs nach oben getrieben, obwohl nichts verdient wurde. Sie waren die Erfinder all der Finanzdienstleistungen, von denen jetzt auch wieder die Rede ist: Futures, Derivate. Sie verdienten ihre Provisionen, versteckten die Verluste in Firmen, die in der Bilanz nicht auftauchten. Jährlich wurden die Angestellten, die ihr Umsatzsoll nicht erfüllten, entlassen, für die anderen die Vorgaben erhöht. Mancher Schulrat würde gerne so mit seinen Schulleitern verfahren. Zielvereinbarungen zwischen Schulamt und Schulleiter sind ja schon Praxis.

Sie verursachten die kalifornischen Stromausfälle (um den Strompreis in die Höhe zu treiben) und in der Folge den Rücktritt des Gouverneurs. Nicht überra­schend, dass sie mit Bush jr. und sr. auf freundschaftlichem Fuß verkehrten.

Die ENRON-Bosse kassierten bis zu dreistellige Millionenbeträge. Andersen schredderte Monate vor dem Konkurs von ENRON eine Tonne Akten, musste seine Lizenz als Wirtschaftsprüfer zurückgeben und Tausende Angestellte entlassen. Skilling, der geistige Vater des Konzerns und späterer Vorstandvorsitzender war vorher bei der Unternehmensberatung McKinsey tätig. Über die gibt es zwei beeindruckende Bücher: Thomas Leif und Julia Friedrich.

Der ENRON-Skandal gilt als das größte amerikanische Wirtschaftsverbrechen.

Kein Grund, die „Linke” zu wählen. Ein gezähmter Kapitalismus ist einem verlogenen Sozialismus vorzuziehen. Der Skandal wurde mit rechtsstaatlichen Mitteln aufgearbeitet. Es gab Geldstrafen in Millionenhöhe und Gefängnis für mehrere Vorstandsmitglieder.

Parallelen zur PDS/SED/Linkspartei gibt es dennoch: Auch Dr. Gysi ließ 3 Mrd DM aus DDR-Zeiten verschwinden und die Stasi wurde als Büttel ausgeguckt, damit die Nomenklatura mehr oder weniger gewendet weiterleben konnte. Auch bei ENRON gab es einen bad guy, der als Hauptschuldiger „entlarvt” wurde. Und geschreddert wurde ebenfalls.

Artur Andersen hatte alle Bilanzen geprüft und für gut befunden. Die Bilanzierungs­abteilung von accenture sitzt übrigens auf den Bahamas. In Deutschland residiert die Firma in Kronberg im Taunus. Für die Managerkantine gibt es einen Sternekoch.

Im Schulfach „Politik und Wirtschaft” steht ENRON leider nicht auf dem Lehrplan. Für engagierte PoWi-Kolleg/inn/en daher einen Tipp:

Der Dokumentarfilm über den Skandal ist extrem sehenswert. Besonders die Szenen, in denen die Bänder zu hören sind, auf denen sich die ENRON-Stromhändler halb tot lachen, wenn sie wieder eine Kraftwerkssabschaltung hingekriegt haben, sich über Waldbrände freuen und eine Erdbeben herbeisehnen (OmU).

Eine Chronik der ENRON-Aufarbeitung wird hier geführt.

1 Kommentar

  • Hi, nur eine kleine Korrektur:
    das, was heute Accenture ist hat sich lange vor dem Enron-Skandal von dem, was später Anderson war, abgespalten.
    War irgendwann in den neunzigern, da haben die sich in Consulting und in Finanzirgendwas abgespalten. Haben sich danach ewig um den Namen bekriegt.


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