
Rico ist „tiefbegabt“ (Das Wort liegt so nahe, aber man muss erst mal drauf kommen.) Sein Förderschullehrer verdonnert ihn zum Schreiben eines Ferientagebuches. Er lernt einen hochbegabten Jungen kennen und beide klären einen Kriminalfall auf. Steinhöfel lässt mit viel Einfühlungsvermögen Rico erzählen, auch davon, wie sich sein Handicap auswirkt. Allein die Wortkärtchen, auf denen Rico sich sehr eigenwillig die Bedeutung von Fremdwörtern festhält, sind ein Genuss. Der soziale Kontext – alleinerziehende, starke Mutter mit nicht ganz serösem Job, die unfreundlichen Nachbarn, ein Sonderschüler – ist unübersehbar, wird aber nicht mit pädagogischem Zeigefinger präsentiert.
Von ferne fühle ich mich an Emil und die Detektive erinnert, nicht zuletzt durch die hübschen Illustrationen. Auch die Vorstadtkrokodile lassen grüßen.
Nur: Es ist ein Kinderbuch für Erwachsene.
Ich hätte in meinen früheren Schulbibliotheken keinen Schüler gewusst, der das Buch selbst ausgeliehen hätte. Die Altersangabe ab 10 ist – wie so oft – sehr früh angesetzt, andererseits halte ich 13 schon wieder für zu alt, weil sich Leser/innen dieser Altersklasse nicht mehr von den Abenteuern Zehnjähriger unterhalten lassen. Dann doch eher die Vorstadtkrokodile. (Und von Steinhöfel: Die Mitte der Welt!!!)
Steinhöfel stammt übrigens aus Mittelhessen und hat in Marburg studiert. Achtung, Pädagogen: Er erzählt Geschichten, mit Leseförderung hat er nichts am Hut. So ungefähr hat er es mal in einer Leipziger Buchmessen-Talk-Runde erzählt, die just zu diesem Thema stattfand, in der er sich aber völlig fehl am Platz fühlte. Vielleicht schreibt er deswegen so schöne Bücher, weil er sich nicht darum schert, was sich der Lektor wünscht, ob es ein Kinder- oder Jugendbuch werden soll.
Rico, Oskar und die Tieferschatten von Andreas Steinhöfel. Hamburg : Carlsen, 2008. 978-3-551-55551-9
Rezension in Die Zeit.
Update: Es gibt einen zweiten Band: Rico, Oskar und das Herzgebreche.
Die Rezensentin der FAZ (25.4.09)schreibt Oskar mit c. Sie stellt zwar eine nochmalige Steigerung in der fremdwortgespickten, blumigen und verschachtelten Sprache fest, ist aber dennoch entflammt.




1 Kommentar
2009/10/19 um 12:34
[...] den Gewinnern. Zu „Rico, Oscar und die Tieferschatten“ habe ich schon an anderer Stelle etwas [...]