Dienstag, 15 April , 2008...10:08 Uhr nachmittags
DDR-Medienkiste 2
Ich habe die Bücherliste verändert. Raus sind Ulrich Plenzdorf (wegen Daniela Dahns Beitrag zur Planwirtschaft) und Jana Hensel (Die reist in den aufregenden Jahren nach der Wende in der Welt herum, das erzählt sie aber nur nebenbei. Wichtig ist vor allem, dass es keine Wertstoffsammlung mehr gibt und ihr Schulweg sich verändert hat.
Neu ist Stefan Wolle. Und wieder entdeckt habe ich den Wirtschaftsprofessor Werner Obst, der 1969 “rübermachte”.
Es ist die Erfahrung, die man schon früher, bei anderen Bücherkisten, machen konnte: Der Buchmarkt ist flüchtig, was vergriffen ist, ist vergriffen. Da wäre book on demand gut. Die Bibliotheken hier haben diese einschlägige Literatur auch nicht gerade im Übermaß. ein ebenfalls vergriffenes, sehr gutes - Stasi auf dem Schulhof - habe ich im Brandenburger Verbundkatalog kein einziges Mal gefunden, in Berlin einmal. Im Antiquariat wird es für 60 € gehandelt. Ich habe es sehr viel billiger auf dem Bücherflohmarkt des Zentrums für zeitgeschichtliche Forschung hier in Potsdam gefunden. Die haben es sicher nochmal im Bestand, das ist ein angesehenes Institut. Dennoch, eine sicher unabsichtliche Pointe: Der Leiter sagt, man solle sich sich nicht mehr so intensiv(?) mit der Stasi und den Gefängnissen beschäftigen, sondern mit dem Alltag der Menschen. (Er will allerdings dabei die alltäglichen Erscheinungsformen der Diktatur nicht unter den Tisch fallen lassen.
In Potsdam sind wir ausgewogen: Die Stadt ehrt mit den Stimmen der Postkommunisten einen verstorbenen Bürgerrechtler. Im letzten Jahr dagegen wurde im Stadtpark eine Leninbüste aus der Hinterlassenschaft der Roten Armee im Volkpark neu aufgestellt. (Die russische Botschaft in Berlin hattte ihre Lenin-Büste im Vorgarten schon Mitte der 90er abmontiert.)
Die Auseinandersetzung um die Rezeption der SED-Diktatur ist spannend. Die wohl allseits bekannte Untersuchung zum Kenntnisstand der Schüler sollte ursprünglich vom Berliner Senat mitfinanziert werden. Der hat dann aber abgesagt. Brandenburg hatte gar nicht erst zugesagt. Noch ein paar Details (Der Prof. war gerade in Potsdam) Ostberliner und Brandenburger Schüler schneiden besonders schlecht ab. NPD- und Linksparteinahe Schüler haben dasselbe positve DDR-Bild.
Professor Schröder, FU, erzählte übrigens, dass die Statistik vom Umtausch der Ost-Sparbücher bei der D-Mark-Einführung nicht mehr auffindbar sei. Die besagte, dass 10% der DDR-Bürger 60% des Sparvermögens auf dem Konto hatten. Dasselbe Zahlenverhältnis habe ich kürzlich bei der Vermögensverteilung in Deutschland gelesen.
Update 30.5.
Neu entdeckt habe ich David Ensikat, Kleines Land große Mauer. Die DDR für alle, die (nicht) dabei waren. Piper,München 2007.
Ensikat erzählt so einfach, dass es schon ein aufgeweckter Grundschüler verstehen könnte, wenn im Kinderfernsehen daraus vorgelesen würde. Also eigentlich gut geeignet für 16/17jährige, die nicht sonderlich am Thema interessiert sind. Er spricht die Schattenseiten des Regimes offen an, z. B. dass in Gefängnissen “gequält” wurde, dass Kinder wegen des fehlenden Umweltschutzes öfter krank waren, dass die DDR 1988 pleite war u.a.
Manches fällt aber auch der Vereinfachung zum Opfer: “Solange es die DDR gab, herrschte Frieden in Europa.” Dass die SED aus einer Zwangsvereinigung von SPD mit KPD entstanden ist, erschließt man relativ spät im Buch.
Die Kapitel sind nicht zu lange, die Überschriften motivieren zum Lesen, es wird auch fast alles angesprochen. Dennoch bleibt ein Unbehagen. Die vereinfachte Erzählweise, der lockere Plauderton lassen die Sache SED-Diktatur bekömmlich werden, obwohl er auch über Todesschüsse, Gefängnisse und militaristisches Schulwesen schreibt.
Die Vereinfachung hat ihre Tücken. Ein Argumentationsmuster, das auch in anderen Büchern vorkommt: Der Antipode des Sozialismus ist der Kapitalismus. Und zwar der, den Karl Marx beschrieben hat. Bei Ensikat heißt das: “Tatsächlich kann man ja fragen, ob man die Wirtschaft nicht besser organisieren kann als im Kapitalismus, wo jeder sich um seine Sachen kümmert und kaum jemand darauf achtet, wie alles zusammenpasst.” (S. 103) Vor dem Hintergrund “des” Kapitalismus erscheinen der real existierende Sozialismus und seine Akteure, ob gewollt oder nicht, in milderem Licht. Sie hatten die besten Absichten, die Sache ist ein wenig aus dem Ruder gelaufen.
“Der Nationalsozialismus ist an sich eine gute Sache, nur das mit den Juden hätte man nicht machen sollen”, pflegte einer meiner Vorfahren zu sagen.
Ich suche nach einem Buch, das einmal so viel Verständnis für die kapitalistische Welt und ihre Fehlentwicklungen aufbringt, wie einige Bücher für die DDR. Nach mancher Lektüre habe ich das Gefühl, ich dürfte den Ulbrichts, Honeckers, Mielkes nicht böse sein, sie haben es letztlich gut gemeint. Ich suche nach einem Buch, das dieselbe Nachsicht mit dem Kapitalismus zeigt, nach einem Buch, das erklärt, was im “kapitalistischen System” möglich ist oder sein kann: Umweltschutz, Sozialpolitik, (Gegen-)öffentlichkeit, Freiheitsrechte, Kartellämter, EU statt RGW. Das mag alles nicht optimal laufen. Aber eine Chance müsste “der” Kapitalismus doch auch mal bekommen. Und nicht nur die Diktatur der Arbeiterklasse.
Update 4.6.08
“Betroffenen-Literatur” nennt eine Historikerin Bücher von Opfern der SED-Diktatur. Diese ergäben kein treffendes Gesamtbild der Diktatur.
Man stelle sich vor: “Das Tagebuch der Anne Frank” = Betroffenen-Literatur? Das gäbe einen Aufschrei. (Mary Fulbrook, Verarbeitung und Reflexion der geteilten Vergangenheit seit 1989, in: Christoph Kleßmann u. a. (Hrsg.), Deutsche Vergangenheiten – eine gemeinsame Herausforderung, Berlin, 1999, pp. 286 -29
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