2008/03/08...2:43

Die Renaissance der Spiralcurricula

Zu den Kommentaren

Wer mit Jerome Bruner im Studium aufgewachsen ist und, von der Idee des Spiralcurriculums beflügelt, glaubte, alles könne in jeder Alterstufe angemessen unterrichtet werden oder – umgekehrt – ein Thema müsse im Lauf der Schuljahre mehrmals, auf jeweils höherem Niveau, wiederkehren, wird mit Interesse und ein wenig Wehmut die Spiralcurricula der öffentlichen Bibliotheken aufsuchen. Bei Google und auf zahlreichen Bildungsservern rangieren sie ja ganz weit oben unter Spiralcurriculum, während an Bruner und das eigentlich Gemeinte nur Wikipedia erinnert (Auch die Brockhaus-Enzyklopädie nicht!).

So ganz überzeugend ist das nicht, was über Spiralcurricula zu lesen ist. Es sind über die Schuljahre verteilte Bausteine der Bibliothekseinführungen und -rallyes, der Vorlesewettbewerb ist auch schon mal dabei, Das Wissen über Bibliotheken wird angebahnt und gefestigt, ein Referat oder eine Facharbeit sollen beim Bibliotheksbesuch erarbeitet werden. Karsten Schuldt, ein Berliner Bibliothekswissenschaftler, macht darauf aufmerksam, dass die Spiralcurricula ebenso wie die Kooperationsverträge zwischen Schulen und öffentlichen Bibliotheken Ausfluss des Bertelsmann-Projektes „Bibliotheken als Bildungspartner der Schulen“ sind und ebenso eifrig umgesetzt werden. Er hat eine Synopse der zahlreichen Spiralcurrcula öffentlicher Bibliotheken veröffentlicht.

Bei allen guten Absichten (Es sind natürlich auch berufsständische Interessen und Marketingkonzepte, die hineinspielen) müssen doch ein paar kritische Fragen gestellt werden.

Sind den Spiralcurriculum-Macher/innen die schulischen Lehrpläne, Curricula, Bildungsstandards im Bereich Lesenlernen, Leseförderung, Arbeits- und Recherchetechniken bekannt gewesen? (Auch die Integration der Schulbibliothek in den Unterricht, die in schulischen Lehrplänen und in Schulprogrammen z. B. in Hessen erkennbar vorhanden ist?

Gab es eine Zusammenarbei mit den in wohl allen Bundesländern inzwischen vorhandenen Arbeitsgruppen zur Förderung der Lesekompetenz? Oder in Hessen z.B. im Forum Schulbibliothek des dbv?

Die von der Bertelsmann-Stiftung konzipierte Bildungspartner-Kampagne ist die zweite große Bildungsoffensive der Vertreter/innen öffentlicher Bibliotheken nach den euphorischen Plänen im Rahmen der bildungspolitischen Aufbruchstimmung der 60er Jahre, als man glaubte, 30.000 Planstellen für Bibliothekare in Schulen erhalten zu können. Die Ernüchterung folgte damals auf dem Fuße und fast 40 Jahre war Schule kein großes Thema mehr. (Abgesehen von einem Papier des dbv aus dem Jahre 1987.)

Wenn die Vertreter der öffentlichen Bibliotheken für sich in Anspruch nehmen, Lese- und Recherchekompetenz zu vermitteln, wie stellt man sich vor, die 10 Millionen deutschen Schüler/innen regelmäßig und spiralförmig mit Bibliotheksbesuchen zu erreichen?

Wie will man Lehrerinnen und Lehrern vermitteln, dass die Stadtbibliothek, die ja gerade um die Ecke liegt und in der 3. Stunde mal schnell für 28 Schülerinnen und Schüler geöffnet wird, jetzt in die Suchmaschinennutzung einführt und die Schlüsselwortmethode im Lesesaal trainiert?

Da die Mehrzahl der Lehrerinnen und Lehrer  Veröffentlichungen bibliothekarischer Verbände so wenig zur Kenntnis nehmen wie umgekehrt die Vertreterinnen öffentlicher Bibliotheken pädagogische Papiere und schulische Praxis, ist es nicht unrealistisch,zu vermuten, dass sich Geschichte wiederholt.

Schade wäre es für das langsam aber stetig steigende Interesse von Lehrern, Eltern und Schulverwaltungen an Schulbibliotheken, wenn den Bibliotheksoffiziellen genau das nicht mehr ins (Bertelsmann-)Konzept passte.

2 Kommentare

  • [...] ist information literacy noch oft Vermittlung von library skills, auch wenn es anspruchsvoll “Spiralcurriculum” genannt [...]

  • Sie haben Recht, sowohl damit, dass das Spiralcurriculum nicht so neu ist, wie es verkündet wird, als auch damit, dass die großen Hoffnungen, die mit ihm verbunden werden, sich nicht wirklich in der Realität wiederfinden. Nur glaube ich, dass die meisten Menschen, welche heute mit dem Begriff Spiralcurriculum hantieren, nicht wirklich wissen, dass es dieses Konzept schon länger gibt. Die relative Ahistorizität der Bildungsdiskussionen der letzten Jahre ist ja bekannt.
    Mir fiel zudem die Inkonsistenz der bislang veröffentlichten Curricula auf. Sie scheinen sich in jeder Bibliothek auf unterschiedliche Klassenstufen zu beziehen, unterschiedliches Wissen in unterschiedlicher Zeit vermitteln zu wollen etc. Die Frage ist nur, ob das schlecht ist. Letztlich stimulieren die umgesetzten Spiralcurricula offenbar die Zusammenarbeit von Schulen und Bibliotheken, wenn auch die Erfolge andere sein werden, als die wirkliche Förderung von Lese- und Informationskompetenzen der Schülerinnen und Schüler.


Eine Antwort schreiben