Informationskompetenz und Schule: Sehr komplex

Die Lehrerin und frühere Mediotheksleiterin Nathalie Mertes wurde mit der Fallstudie “Teachers’ conceptions of student information literacy learning and teachers’ practices of information literacy teaching and collaboration with the school library” gerade an der Berliner Humboldt-Universität von den Professoren Konrad Umlauf und Ross J. Todd promoviert.

Herzlichen Glückwunsch Dr. Mertes!

Die Studie füllt eine bemerkenswerte Lücke in der Literatur zu Informationskompetenz und ihrer Vermittlung in der Schule. Denn sie untersucht am Beispiel einer US-amerikanischen Schule die Einstellungen der Lehrer und ihre Unterrichtspraxis sowie ihre Sicht der Zusammenarbeit mit den Schulbibliothekaren.

Auch wenn die deutsche Schulbibliothekslandschaft, sofern man die Zustände so nennen darf, völlig anders ist, verdient es die Dissertation, auch in Deutschland gelesen zu werden. Denn Informationskompetenz und ihre Vermittlung sind auch hierzulande ein Thema. Wenn man das diskutiert, kann eine Kenntnis der Schulrealität nicht schaden.

  • Informationskompetenz im Blog: 1  2  3  4 und ca. ein Dutzend weitere Beiträge (Eingabe des Stichworts in der Suche!)

 

Veröffentlicht unter Informationskompetenz, Schulbibliothek, Unterricht | Verschlagwortet mit , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Die andere Heimat. Chronik einer Sehnsucht

Dieser Beitrag fällt aus dem thematischen Rahmen. Sei´s drum!

Ich stamme aus einem Dorf in Rheinhessen. Zu meiner Heimat zähle ich großzügig den Mittelrhein und die Pfalz dazu, vor allem den Hunsrück. Dort stand das Landheim meiner Schule, dort habe ich den größten Teil meines Wehrdienstes verbracht. Zu Rhein, Mosel und Nahe führten unzählige Sonntagsausflüge. Zum linksrheinischen Deutschland, auch zu den Nachbarn im Elsaß, in Luxemburg, in den Ardennen fühle ich mich hingezogen. Daran hat auch der Umzug ins auch schöne, aber ganz andere Brandenburg nichts geändert.

Es liegt auf der Hand, dass die TV-Trilogie “Heimat” von Edgar Reitz für mich ein Kultfilm wurde. Mit einem Bus voller Fans fuhren wir im Hunsrück die Drehorte ab, Schabbach-Woppenroth, den realen Friedhof mit dem Filmgrab, die Burgruine Baldenau, das Günderodehaus über dem Rhein. Das Leben in einem rheinhessischen Dorf in den 50er Jahren unterschied sich noch wenig von dem Leben der vorhergehenden hundert Jahre, das in den Filmdörfern wieder erweckt wurde. Die Dialekte des Hunsrücks, der Pfalz und Rheinhessens ähneln sich. Französische(!)  Reitz-Fans übertrafen uns. Sie sprachen jeden Satz aus den Filmauszügen, die wir im Bus sahen, auswendig mit!

In diesen Tagen erschien die Fortsetzung der Hunsrücker Familiensaga: “Die andere Heimat”. Jetzt geht es um die massenhafte Auswanderung aus den Hunsrückdörfern nach Brasilien in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Reitz führt sie nicht nur auf die gängigen Erklärungen wie Armut, Hungersnot, Realteilung und Feudalismus zurück, sondern auch darauf, dass mit der Schulpflicht, die seit 1815 nach dem Wiener Kongress im preußisch gewordenen Hunsrück eingeführt wurde, erstmals eine des Lesens und Schreibens kundige Generation heranwuchs, die sich lesend Wissen über ferne Länder aneignen konnte.  Es wuchsen Phantasien und Sehnsüchte, die noch befeuert wurden vom Werben Brasiliens um Handwerker und Bauern.

Ich hatte vor drei Jahren bei meiner schulbibliothekarischen Brasilienreise das große Glück, in Porto Alegre im Süden des Landes, dem Einwanderungsgebiet der Hunsrücker Familien, Nachfahren zu begegnen. Das war eine Familie aus einem Dorf im Hinterland, der deutschstämmige Farmer, seine Frau, eine Mestizin, ein Kind und eine vierte Person, eine junge Schwarze, die wie ich eine Stadtrundfahrt in der Regionalhauptstadt machten. Sie sprachen untereinander ein altertümliches Deutsch, eben den Hunsrücker Dialekt des 19. Jahrhunderts. Dasselbe passierte am nächsten Abend beim Umtrunk, als eine brasilianische Schulbibliothekarin plötzlich Deutsch sprach, im Hunsrücker Dialekt.

Veröffentlicht unter Schulbibliothek | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Präsentationsprüfungen und Schulbibliothek

Für die fortgeschrittenere Schulbibliotheksfraktion sind Präsentationsprüfungen ein wichtiges Argument. Die Präsentationsprüfung ist Ersatz für oder Teil einer mündlichen Prüfung. Der Kandidat bzw. die Gruppe stellen ein Thema mit medialer Unterstützung  dar, also mit Beamer und Powerpoint oder dessen noch bunteren Alternativen Emaze oder Prezi.

In einer medial gut sortierten und technisch entsprechend ausgestatteten Einrichtung kann man die Präsentation erarbeiten und die Prüfung durchführen, besser als im Klassen- oder Filmraum, im Arzt- oder Elternsprechzimmer.

Wenn die Gruppenpräsentationsprüfung gemeint ist, die in Hessen zur Abschlussprüfung der Mittelstufe gehört, trifft das voll und ganz zu.

Sie wird überwiegend in den Bibliotheksräumen erarbeitet. (Mehr Gruppenräume wären hilfreich.) Auch die Kooperation in der Gruppe wird bewertet. Ich habe großartige Präsentationen gesehen und Schüler erlebt, die über sich selbst hinausgewachsen sind. In den Lehrplankonferenzen plädierte ich dafür, in der Mittelstufe mehr projektorientierten Unterricht durchzuführen. Trotz anderslautender Beschlüsse war die Gruppenpräsentation für manchen Schüler das erste Projekt. Die Realisierung projektorientierten Unterrichts erforderte einen gewissen bürokratischen Aufwand – zeitliche und inhaltliche Absprachen zwischen den Lehrern – und wenn sich ein Jahrgang oder ein einzelner Kollege/eine einzelne Kollegin nicht daran hielt, konnte man nicht viel ausrichten.

Inzwischen gibt es in vielen Bundesländern Präsentationsprüfungen, die die mündliche Abiturprüfung ersetzen oder ergänzen. Dazu braucht man keine Schulbibliothek. Der Schüler hat bis zu vier Wochen Zeit. Es läuft ab wie bei den häuslichen Referaten. Da wusste man auch nie, ob man jetzt Vater, Mutter, Nachhilfelehrer oder eine Internetplattform benotet oder gar ein Referat erhielt, das von der Freundin in einer anderen Schule schon einmal verwendet worden war. Die Lehrer müssen kompetenzorientiert beurteilen, d. h. die überfachlichen Präsentationskompetenzen – Blickkontakt, Sprechtempo, Visualisierung, Medieneinsatz – sind wichtiger als fachliches Wissen. Konnte man bei nicht selbst erarbeiteten Referaten noch erkennen, dass der Referent/die Referentin das Thema überhaupt nicht durchdrungen hatte, ist das beim Präsentieren von exzellenten Folien sehr viel schlechter möglich. Wahrscheinlich wird es in Kürze eine Folienerkennungssoftware geben müssen, damit das Prüfungskomitee nicht einem Schüler, der in Chemie das ganze Jahr eher “Underperformer” war, für die Folien eines Nobelpreisträgers eine Eins gibt.

Der Biologiedidaktiker Hans-Peter Klein sagt den bösen Satz: “Schüler/innen wissen immer weniger, das aber und sich selbst könnten sie immer souveräner präsentieren.

Die FAZ v. 17.7.14 widmet gleich drei Artikel den immer besseren deutschen Abiturnoten, der mündlichen Präsentationsprüfung und den Problemen französischer Hochschulen mit einer Abiturquote, die sich 80% nähert.
Veröffentlicht unter Bildungspolitik, Hessen, Schulbibliothek, Schule | Verschlagwortet mit , | 2 Kommentare

Revisited: Servicezentrum Medien und Schule im Main-Taunus-Kreis (2010) – Heiße Luft

Vor vier Jahren erschien eine Pressemeldung der Pressestelle des Main-Taunus-Kreises in Hessen, in der ein Servicezentrum Medien und Schule – SMS – angekündigt wurde, eine Zusammenlegung von Kreisbildstelle und den Resten der Kreisbücherei, ergänzt um ein gemeinsames Internetportal mit Datenbanken wie dem Munzinger-Archiv. Als Leiter des neuen Zentrums empfahl sich der Autor des dem von Bibliothekar/-innen hochgelobten IMENS nachempfundenen Konzepts, ein Medienpädagoge. In diesem Zusammenhang schrieb ich (schon) 2009 diesen – skeptischen – Beitrag.

Jetzt fiel mir ein Bericht in einer Regionalzeitung auf. Eine Grundschulleiterin konnte alleine mit ihrem Elternbeirat die Schulbibliothek nicht mehr weiterbetreiben. In dem Bericht kam das Medienzentrum als Dienstleister für Schulbibliotheken nicht vor und auch die Schulleiterin wusste anscheinend nicht, dass sie im Landkreis einen Ansprechpartner für Schulbibliotheken hätte.

Jetzt weiß ich warum: Die vollmundige Pressemitteilung des damaligen Schuldezernenten und späteren Landrats war heiße Luft. Das SMS gibt es gar nicht.

Wie immer liegt es am fehlenden Geld. Wie schon seit 1999 waren alle Konzepte für den Papierkorb, auch das von 2009. Wenn man an die Magie von Zahlen glaubt, wäre 2019 wieder ein gutes Jahr für einen neuen Anlauf.

Veröffentlicht unter Hessen | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

UK: Empfehlungen zu Schulbibliotheken

In Groß-Britannien ist gerade eine Empfehlung zu Schulbibliotheken veröffentlicht worden. Sie trägt den schönen Namen “Beating Heart of the School”. (Man kann also das Wort von der Bibliothek als dem Herz der Schule noch steigern.)

Es sind im Wesentlichen vier Empfehlungen:

  • eine aktuelle Statistik zu britischen Schulbibliotheken erstellen
  • erforschen, was und wie Schulbibliotheken zu Wissen und Erziehung der Schüler/-innen beitragen
  • Ofsted  – die Schulinspektion – soll auch die Schulbibliotheken evaluieren (Anm. GS: Das passiert schon weitgehend, aber nicht flächendeckend)
  • Im Bildungsministerium sollte es eine hochrangige Zuständigkeit für Schulbibliotheken geben.

Das ist nun nicht sehr visionär, es zeigt eher, dass auch in angelsächsischen Staaten das Schulbibliothekswesen Defizite aufweist, zumal in Groß-Britannien. Im Blog stand dazu schon einiges.

Für bemerkenswert halte ich den Hintergrund des Papiers:

Es ist ein Dokument der Libraries All Party Parliamentary Group des britischen Parlaments. Ihr gehören Vertreter des Ober- und Unterhauses an. Solche parteiübergreifenden thematischen Arbeitsgruppen haben keinen offiziellen Status. Sie müssen sich aber registrieren lassen, ihre Vorsitzenden wählen und transparent machen, von wem von außerhalb des Parlaments sie unterstützt werden. Sie sind also eine Art Lobby. Die o.a. Gruppe verfügt z. B. über ein Sekretariat, das der britische Bibliotheksverband CILIP bezahlt.

Mir erscheint das aber transparenter als das frühere hessische Modell zu sein, bei dem ein Landtagsabgeordneter gleichzeitig Vorsitzender des hessischen Bibliotheksverbandes war und parlamentarische Initiativen zu Bibliotheksangelegenheiten zum Missvergnügen der der anderen Fraktionen gerne im Alleingang startete. (Beliebteste Frage: “Ist die Landesregierung nicht auch der Meinung, dass das preisgekrönte IMENS-Modell im Lahn-Dill-Kreis Vorbildcharakter hat?”)

Das Thesenpapier ist nicht das erste (es wird darin auf frühere Forderungen der Arbeitsgruppe, der Schulbibliothekskommission des National Literacy Trust und Ofsted von zuletzt 2011, 2011 und 2013 verwiesen) und wird nicht das letzte sein. Immerhin bleibt das Thema Schulbibliotheken so in der Diskussion und es sind nicht nur Bibliothekare, die (Schul-)bibliotheken gut finden. Zitiert und im Anhang dokumentiert ist eine – von Cilip initiierte – Befragung von Schulleitern.

Wann gab es in Deutschland zuletzt eine Denkschrift zu Schulbibliotheken oder gar eine Schulleiterstudie?

Veröffentlicht unter Bildungspolitik, Schulbibliothek | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Schülerprotest gegen kürzere Öffnungszeiten

Das berichtet eine Zeitung aus Fröndenberg/Ruhr in Westfalen. Weil die Stadtverwaltung die von ihr finanzierte Stelle halbieren will, regt sich Schülerprotest: Über tausend Unterschriften wurden gesammelt.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Bildungspolitik, Schulbibliothek, Schule | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Bibliotheken auf der Suche nach ihrer Zukunft: Das Beispiel Miami

Das öffentliche Bibliotheksnetz des Landkreises Miami-Dade in Florida umfasst ca. 50 Zweigstellen. Der Landkreis investiert kräftig, gleichwohl gibt es weniger Vollzeit- und mehr Teilzeitstellen.

Einige Stichworte (Nicht alles gibt es überall):

  • Kostenloses Essen für Schüler
  • Sonntagsöffnung
  • Versand von Hörbüchern an Sehbehinderte
  • Ein von der Universität betreuter Meisterkurs für Hobbygärtner
  • Medienwerkstatt YOUmedia – Was das ist, habe ich im Buch “Die Schulbibliothek im Zentrum” beschrieben.
  • Basis-Sprachkurse Englisch und Spanisch vom Vorschulalter bis zur High School
  • Sozialzentrum mit Beratung für Sozialschwache

Der Miami Herald berichtet. Zu nahezu jedem Stichwort wird eine individuelle Erfolgsgeschichte erzählt.

Veröffentlicht unter Bibliothek | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Ideen zur Ausstattung von Grundschulbibliotheken

Der amerikanisch-britische Bibliotheksausstatter demcointeriors hat eine digitale Broschüre Primary Design veröffentlicht, die Ideen für die Raumgestaltung enthält: Raumpläne, Vorschläge für die Möbelausstattung und den Buchbestand. Es gibt drei Raumgrößen. Man kann sich inspirieren lassen oder auch gleich die komplette Ausstattung bestellen. ;-)

Einfach einmal reinschauen!

Veröffentlicht unter Einrichtung | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Erinnerung: Zuschuss vom Kultusministerium

Was seit Generationen fehlt, ist eine solide, institutionalisierte Schulbibliotheksfinanzierung in Hessen. Das wird sich auch so schnell nicht ändern, denn der dbv sagt (mehrheitlich), es gibt doch öffentliche Bibliotheken, das Kultusministerium sagt, wir sind zwar nicht zuständig, aber da wir Euch 105% Lehrer/-innenkräfte zuweisen, bleiben doch ein paar Lehrer/-innenstunden für die Bibliothek übrig. Manche Landtagspolitiker/-innen und der oberste hessische Schulbibliothekar in der Landesfachstelle für öffentliche Bibliotheken setzen auf kombinierte öffentliche und Schulbibliotheken. Deren Zahl wächst seit Jahrzehnten so rasant (in der Ballistik: flache, geradlinig verlaufende, kaum ansteigende Geschossbahn),  dass man sie sogar unterm Mikroskop kaum sieht.

Aber es gibt jedes Jahr – und dafür muss man das Kultusministerium loben, eben weil es eigentlich nicht zuständig ist – kleine Zuschüsse (1.000 bis 2.000 €). Rein statistisch dürfte in hundert Jahren jede hessische Schule einmal einen Projektzuschuss erhalten haben.

Dazu bedarf es eines formlosen Antrages an das Hessische Kultusministerium, in dem ein geplantes Projekt der Schulbibliothek anschaulich dargestellt wird. Mehr dazu im zuletzt angegebenen Link.

Veröffentlicht unter Bildungspolitik, Hessen, Leseförderung/Lesen, Schulbibliothek | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Frankfurter Verein Bildungspate unterstützt Schulbibliotheken

Über 40 Frankfurter Schulen erhielten Medienpakete des Vereins “Der Bildungspate e. V.” Der Verein engagiert sich für mehr Bildung und für Leseförderung. In den letzten Jahren wurden über 40 Schulbibliotheken mit Medienpaketen unterstützt. Weitere Schulen erhielten finanzielle Unterstützung. Tim-Oliver Barkow  Jan Pfefferle vom Vorstand unterstützen auch den Preis “Schulbibliothek des Jahres” der LAG.

Veröffentlicht unter Hessen, Schulbibliothek, Schule | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar