2010/02/09

Potsdamer Revolutionswächter

Man kann in diesen Zeiten nicht nur über Schulbibliotheken reden. Da bin ich mit Brecht einverstanden. (Nicht einverstanden bin ich mit der Art und Weise, wie er sich ein Häuschen in Buckow beschafft hat. Da hat er früh praktiziert, was die SED-Kader, zuletzt mit Hilfe von Dr. Vogel, auch gemacht haben.)

In Potsdam gibt es seit einigen Wochen eine Montagsdemonstration gegen die rot-rote Koalition. Die ist inzwischen von 400 Teilnehmern auf 60 zurückgegangen. Was bei den Temperaturen verständlich ist.

Bemerkenswert ist der Umgang mit diesem Häuflein Protestanten: Die Zeitungen melden mit Schlagzeilen wie: “Diesmal nur noch 60!” Ein Journalist schaffte es, in seinem kurzen Text gleich zweimal darauf hinzuweisen, dass die Kundgebung eine CDU-Erfindung sei. Gegendemonstranten aus der sog. “linksalternativen” Szene mischen sich darunter. Sie skandieren das Wort “Demokratie” in einem höhnischen Sprechgesang; Kapuzenmänner, die begleitenden Mädchen halten die Bierflasche. Einem Redner, einem Stalinismusopfer, raten sie im Chor, sich doch wieder in die “Leistikowstraße” zu begeben (Wo der KGB ein Gefängnis hatte). Wenn sie dann keine Lust mehr haben, ziehen sie rempelnd ab in  ihren linksalternativen Jugendtreff.

Ein eher belustigendes Intermezzo: Eine Kehrmaschine der Stadtreinigung, kommt – lange nach Dienstschluss – herangebraust, klapt den Besen herunter und fährt mit Getöse vor den Demonstranten auf und ab.  Man versteht die Redner nicht mehr. Dann wird der Besen wieder hoch geklappt und der Fahrer braust davon, genau wie bei der Herfahrt ohne noch irgendwo anders zu kehren.

Ministerpräsident Platzeck fallen die iranischen Revolutionswächter ein, wenn er Kritiker seines Versöhnungsprojektes meint.

Jetzt gibt es schäumende Leserbriefe, in denen nach dem Staatsanwalt gerufen wird, weil ein Kundgebungsteilnehmer ein Schild mit der Aufschrift “Sta(z)is raus!” trug.

Der Vergleich des Sozialismus mit dem Nationalsozialismus ist so tabu wie in USA das F… – Wort.  Das wird in nahezu jedem Leitartikel, in jeder Diskussion gebetsmühlenhaft bekräftigt.

Der frühere Finanzminister Speer (SPD) hat den Vorschlag, beide Ideologien und deren Diktaturpraxis zu vergleichen, aus einem brandenburgischen Lehrplanentwurf streichen lassen. Stattdessen wird den Geschichtslehrer/innen in einem Flyer des Lehrerfortbildungsinstituts empfohlen, BRD und DDR zu vergleichen, die Frauenemanzipation etwa oder den Umgang mit dem Nationalsozialismus.

Schade eigentlich. Auch in diesem Vergleich können ja Unterschiede herausgearbeitet werden. Aber das ist manchen zu heiß. Es könnten wohl auch Ähnlichkeiten festgestellt werden:

  • Die zwischen der staatlichen Hitlerjugend und der staatlichen FDJ  etwa.
  • Die Überwachung der Bevölkerung durch das MfS war intensiver als durch SD und Gestapo. Da würde ein Vergleich schon Unterschiede erkennen lassen. Der Weg zum kommunistischen Paradies musste der Bevölkerung ungleich stärker aufgezwungen werden als der Glaube an den Führer. Lenin hatte über das Tor des KZ Solowki schreiben lassen: “Lasst uns mit eiserner Hand die Menschheit ihrem Glück entgegen treiben!” Meines Wissens hatte der SD auch keine eigene Hochschule, wo man mit seinen “Fallgeschichten” Doktor jur.” werden konnte.
  • Was Meinungs- und Pressefreiheit angeht… Da ist wohl nur Frau Dr. Enkelmann, die einmal als PDS-Ministerpräsidentin für Brandenburg im Gespräch war, der Auffassung, dass man nirgendwo so frei diskutieren konnte wie in ihrem Staatsbürgerkundeunterricht und auf der FDJ-Akademie in der Schorfheide. (Die Abhörgeräte im Keller fielen erst nach der “Wende” auf”.) Da war mein Geschichtslehrer, der eine Adolf-Hitler-Schule besucht hatte,  weniger heuchlerisch.
  • Es könnte der Sozialismus im Nationalsozialismus erkannt werden. Dass es ein “25-Punkte-Programm” der NSDAP gab und den Nationalbolschewismus. Es ist kein Zufall, dass bei der Linken (nicht nur der Partei “Die Linke”) lieber von Faschismus statt Nationalsozialismus gesprochen wird. Da steckt dann gleich alles drin, was rechts vom Sozialismus steht: Die Weimarer SPD, das waren “Sozialfaschisten”, der antifaschistische Schutzwall, die kapitalistische BRD, Israel …
  • Beide Ideologien verstanden sich als “Bewegungen” mit quasireligiösem Charakter. Mit bürgerlichem Parlamentarismus und demokratischen Parteien hatten beide nichts im Sinn. Ihnen ging es um Kollektive: Volksgemeinschaft bzw. Arbeiterklasse.                    Nach der “Wende” bekommt man den Eindruck, dass die DDR ein Mehrparteienstaat gewesen sein muss. Wenn man ihr mehr Zeit gelassen hätte, wäre das noch ausgeprägter geworden. Da werden Reste des DDR-Parteienvermögens an (Musik-)schulen verteilt. 98,5% dieses “Parteienvermögens” gehörten der SED und ihren Massenorganisationen. Gerne wird heute von Dr. Gysi und anderen die Mitschuld der Blockparteien und deren mangelnde Selbstkritik ins Feld geführt.
  • Wer sich über Lenins erstes KZ in Solowki und den GULag informiert, könnte die Nazis für Adepten halten. Solowki wurde 1920 Lager. Und es ging auch schon um physische Vernichtung. Lenin hat Tausende von Popen töten lassen. Von Stalins Terror wird man schon gehört haben.

Warum eigentlich ist der Vergleich so tabuisiert? Wovor hat wer Angst? Auschwitz wird doch damit nicht relativiert!

Treiben wir das Vergleichen auf die Spitze: Frage an Radio Eriwan: “Was ist Kapitalismus?” Antwort: “Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.” Und Kommunismus?” “Das Gegenteil!”

2010/02/09

Schulbibliotheksseminar in Rom

Eigentlich sollte es nach 40 Jahren ein erneuter Kurzurlaub in Rom werden. Dank des LAG-Mitglieds und Europa-Direktorin von IASL, Dr. Luisa Marquardt, die in Rom Bibliothekare ausbildet, ist noch etwas dazu gekommen.  Luisa hat eine Veranstaltung organisiert:

Dear Friends and Colleagues,

within the interinstitutional collaboration and on behalf of the Institutions and Associations involved, I’m glad to invite you to the:

International Seminar
School Libraries as a “2.0” Learning Environment for Reading Promotion and Inquiry
Rome, April 8th 2010 (14.00-18.00)
Goethe Institut Italien – Auditorium
Via Savoia 15

Presentation
Our interconnected world, overwhelmed by an ongoing flow of information, poses new challenges to education. Libraries are called to play a relevant role in facilitating the access to different forms and formats of information; schools are called to educate and train the new digital born generation to face complexity and facilitate lifelong learning.  More specifically, the school library, as a learning space and environment, and an intersection between education and information. It can play a crucial role in educating a competent reader, user and creator of information.

The international seminar is addressed to school librarians/information specialists, school teachers, public and academic librarians.

DRAFT PROGRAMME

- Welcome
Uwe Reissig, Goethe Institut Italien, Director
Francesco Susi, Università “Roma Tre”, Faculty of Education, Dean

- Opening
Christina Hasenau, Goethe Institut Italien, Informationszentrum, Director
Tatiana Zhukova, RUSLA (Russian School Library Association, Moscow, Russia), President
???, Università “Roma Tre”

Luisa Marquardt, Università “Roma Tre“ , Faculty of Education, LIS Lecturer –  IASL Europe, Director
“ 2.0  Learning in Libraries: An Overview”
A general overview is provided about the recent change and the increasing attention to Information Literacy education in Europe and, more specifically, in German libraries of different types (academic, public, school).

- Contributions
Günter Schlamp – Günther Bree (LAG Schulbibliotheken, Hessen, Germany)
The two contributions focus on:
-          the role of a school library association – LAG Schulbibliotheken – in a changing context;
-          reading promotion, inquiry and webquest in school libraries;
-          new ideas for school library space planning and arranging as a “2.0” learning environment.


*****
Info: marquardt@uniroma3.it
Registration: mail to <info5@rom.goethe.org> (Subject: Seminar 8.04.2010) by March 31st, 2010
Free Admittance

2010/02/05

AJuM sucht Rezensenten

Die Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien in der GEW (AJuM) sucht Rezensentinnen und Rezensenten. Auch hier in Brandenburg!

In der AG rezensieren ca. 500 Freiwillige Kinder- und Jugendmedien, die von den Verlagen zur Verfügung gestellt werden. Außerdem beraten sie in Fragen der Kinder- und Jugendliteratur und der Schulbibliothek.

Die Datenbank mit 20000 Rezensionen ist hier zu finden: www.ajum.de

Die AJuM zeichnet monatlich ein Buch mit dem „LesePeter“ aus und widmet ihm eine ausführliche Besprechung. Diese exemplarischen Buchbesprechungen können als pdf-Datei heruntergeladen werden.

Die „GEW – Materialien Jugendliteratur und Medien“ mit thematisch ausgerichteten Heften (H. 45 Jugendliteratur im Internet; H. 46 Gewalt in Kinder- und Jugendmedien; H. 47 Literatur macht Theater; H. 48 Darstellung der Arbeit der AJuM; H. 49 Kinder- und Jugendliteratur aus islamischen Ländern und von Migrantenautoren; H. 50 Heinrich-Wolgast-Preis 2005) sind auch als pdf-Dateien unter www.ajum.de oder www.gew.de/Downloads_2.html zu finden.

Im Julim Journal (JJ), (www.julim-journal.de) werden thematische Angebote zur neueren KJL aufgebaut, Themenhefte zum Herunterladen, Informationen über Kindermuseen und KJL-Preise angeboten.

Die AJuM Berlin trifft sich in der Regel jeden letzten Donnerstag im Monat von 16.30 bis 18.30 Uhr in der GEW Berlin, Ahornstr.5, 10787, U-Bf. Nollendorfplatz. Dort werden Themen besprochen, Bücher zum Rezensieren verteilt. Weitere Auskünfte über woltersu@freenet.de. Gäste aus Brandenburg sind jederzeit willkommen.

2010/02/05

Zur Einrichtung von Schulbibliotheken 18a: Mauswiesel

Mauswiesel ist ein Portal für Schülerinnen und Schüler der Grund- und Förderschulen in Hessen.

Es gibt darauf Angebote  zum selbständigen Lernen im und mit dem Internet, zur Leseförderung und zu verschiedenenen Unterrichtsfächern.

Ich hatte vor langer Zeit schon einmal auf diese großartige Idee des Kollegen Wolfgang Böhl hingewiesen. Inzwischen ist die Seite beachtlich gewachsen und wird vom hessischen Bildungsserver betreut.

2010/02/03

Hamburg setzt Koalitionsvertrag um: Mehr Schulbibliotheken!

Siehe hier!

2010/02/03

Ikea feiert Billy an Australiens berühmtesten Strand

Bondi beach bookshelves offer sunbathers and surfers the ultimate in holiday reading

Quelle von Foto und Text: http://www.dailymail.co.uk/

2010/02/03

US-Bundeszuschuss für Schulbibliotheken gestrichen

Gerade will ich auf eine vorbildliche Aktion der US-Bundesregierung hinweisen, da höre ich, dass sie eingestellt wird:

Improving Literacy Through School Libraries hieß das Projekt.

Die US-Bundesregierung hat den Bundesstaaten seit 2002 jährlich 19 Mio. $ dafür zur Verfügung gestellt. (In den ersten beiden Jahren waren es jeweils 12 Mio.) Mit dem Geld – meist wurden 30000 bis  350000 $ an einzelne Schulen gegeben – sollten Schulbibliotheken modernisiert werden, technologisch aufgerüstet, die Aus- und Fortbildung der teacher-librarians unterstützt und die Öffnungszeiten in der unterrichtsfreien Zeit und den Ferien verlängert werden.

Während die Mittel der Bundesstaaten für Museen  und Bibliotheken kaum schrumpfen, fallen die o. a. Bundesmittel für Schulbibliotheken komplett weg. Im 400 Mrd. umfassenden Bundeshaushalt für das Schulwesen tauchen die Schulbibliotheken auch nicht explizit auf.

Dazu passt diese Meldung gut: Die Bundesregierung schafft 1000 neue Stellen, um besser regieren zu können.

Update 5.2.10: Die US-Schulbibliothekarin hat an President Obama einen kritischen offenen Brief geschrieben. Sie wirft ihm vor, die information literacy in seinen Reden anzusprechen, aber ausgerechnet bei den Schulbibliotheken, in denen diese eingeübt wird, zu sparen.

2010/02/03

Der Fortschritt ist eine Schnecke: Bibliotheksführungen sind nicht alles

Im Newsletter der sba Frankfurt lese ich dies:

Die Bibliothek im Fachunterricht nutzen

Die Fortbildung der Akademie für Leseförderung der Stiftung Lesen an der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover findet am 9. März 2010 statt und wendet sich an Lehrkräfte und Bibliothekare in der Sekundarstufe I und II. Auch die besten Bibliothekseinführungen überzeugen viele SchülerInnen nicht davon, dass die Bibliothek der ideale Ort zum Erwerb von Fachwissen ist. Das liegt daran, dass Standardeinführungen die Besonderheiten von fachlichen Strukturen und fachtypischen Informationsquellen unberücksichtigt lassen und den Wissenszuwachs selbst kaum in den Blick nehmen. Der Schwerpunkt der Fortbildung liegt deshalb darin, Arbeitsschritte aufzuzeigen, die im Rahmen von bibliotheksgestütztem Fachunterricht in Klassen und Kursen umgesetzt werden können. Anmeldung unter: http://www.alf-hannover.de/anmeldung.php

Schmunzel, schmunzel!

Reden wir tumben Hessen nicht drüber, dass wir das  vor 20 Jahren schon so gesehen und solche Lehrgänge (1 Woche lang, nicht nur einen Nachmittag) durchgeführt haben: Die Schulbibliothek als innerschulischer Lernort, als Unterrichtsort.

Vertane Zeit, in der die Bertelsmann-Stiftung millionenschwere Projekte zur Verbesserung von Bibliotheksführungen finanzierte.

Aber besser spät als nie.

Dauert es dann nochmal 20 Jahre, damit man weiterhin erkennt, dass Unterricht in der Bibliothek nur dann realistisch ist, wenn man dazu nicht eine Exkursion  in eine öffentliche Bibliothek planen muss, die den Stundenplan durcheinanderbringt, Vertretungsunterricht erfordert und dreifachen Personalaufwand? (Die Öffnungszeiten der öB. nicht vergessen!)

2010/02/02

15 aufregende Bücherregale

Das ist ein Bücherregal

Update 4.4.10: netbib weist heute darauf hin, dass sie vor einem Jahr schon zu 30 Bücherregalen verlinkt haben.

2010/02/01

Zeit nehmen für Paired Reading!

Dass die Aufforderung zu lesen nicht ausreicht, aus leseschwachen Schülerinnen und Schülern flüssige, verständige Leserinnen und Leser zu machen, hat Prof Cornelia Rosebrock 2006  in 6. Hauptschulklassen nachgewiesen. Sie adaptierte die in USA häufig angewandte Methode des paired reading, des gemeinsamen lauten Lesens von Tutor und Schüler, in einer Studie.

Heraus kam dabei im Vergleich auch, dass bloßes vermehrtes stilles Lesen zumindest im Versuchszeitraum keinen messbaren Gewinn an Leseflüssigkeit und -verständnis bringt. (U. a. werden Lesefehler nicht korrigiert.)

Tutor kann auch ein Mitschüler sein. Es gibt zahlreiche Varianten, zu denen auch Übungen zum Textverstehen gehören.

Das laute Lesen im Unterricht ist so ziemlich verschwunden. Wetten, dass es in den Bildungsstandards und ihren Operationalisierungen nicht mehr vorkommt! Es ist an der Zeit, das wieder zu entdecken.

Hier der Bericht auf der Uni-Website ((html). Hier viel lesbarer als pdf (bmuk Wien)