Nachtrag zu “Stress in der Kinderkrippe”
Befürworter der flächendeckenden Kitapflicht füt Kleinstkinder hätten auch schon 1989 bei Dieter E. Zimmer fündig werden können. Er hat in der zweiten Hälfte der 80er Jahre einen sehr gründlich recherchierten Aufsatz zu den israelischen Kibbuzim geschrieben. Wer Zimmer kennt, weiß, dass er abgewogen urteilt.
Zimmers auf eine Fülle empirischer Untersuchungen und Gespräche gestütztes Urteil: Leben und Arbeiten in den Kibbuzim hat keine neuen Menschen hervorgebracht, nicht mehr Gleichheit unter den Menschen oder zwischen den Geschlechtern, es war aber auch nicht schlecht. Aus dem Experiment sei etwas Lebensfähiges und Lebenswertes geworden, wenn es auch “nicht in allen Punkten dem utopischen Bilderbuch” entspräche. (Ich habe selbst 1966 vier Wochen in einem Kibbuz gearbeitet, als Gast im Rahmen des ersten offiziellen Besuches einer Gruppe deutscher Studenten nach 1945. Es war beeindruckend zu sehen, wie es funktionierte. Aber den Gesprächen war zu entnehmen, dass die Kibbuzbewegung ihren Höhepunkt überschritten hatte. Für manche jungen Leute war der Kibbuz nicht mehr das Lebensziel.)
Die Kibbuzim sind basisdemokratische Siedlungen. Sie sind i. d. R. nicht religiös oder marxistisch begründet, es sind freiwillige Zusammenschlüsse. Manche nennen sie Urkommunismus. Sie entstanden im Zuge der zionistischen Einwanderung. Die Idee ist also über 100 Jahre alt. Überwiegend sind die Kibbuzim landwirtschaftlich orientiert, es gibt aber auch Industrieproduktion oder beides.
Mittelpunkt der Siedlungen sind die großen Kantinen, in denen auch die Vollversammlungen stattfinden. Gleichheit und Gleichberechtigung sowie Entlastung von individueller Haushaltsführung (Kollektive Erledigung von Wäsche waschen, Kochen, Entlastung von Kinderversorgung und -erziehung, Ausgabe von Kleidung) sind die Ziele. Lohnzahlungen braucht man nicht. Der Kibbuz versorgt die Alten und Kranken. Man wird nicht pensioniert und in ein Altersheim abgeschoben, irgendeine nützliche Arbeit in der Gemeinschaft ist immer möglich. Der Kibbuz zahlt Urlaubsreisen und ein kleines Taschengeld für Einkäufe in der Außenwelt.
Die Kibbuzim sind bestens erforscht. Es gab immer ein großes Interesse daran, herauszubekommen, ob und wie es funktioniert. Als Vergleichsgruppe haben viele Untersuchungen die weniger strikten und zahlreicheren Moschawim gewählt, die landwirtschaftlichen Genossenschaften. (Auch die sind keinesfalls mit LPGen oder Kolchosen vergleichbar.)
Die Kinder leben in den Kibbuzim von Geburt bis zum 18. Lebensjahr getrennt von ihren Eltern in eigenen Gebäuden und mit anderen Bezugspersonen. Bei ihren Eltern sind sie am Wochenende und an Feiertagen. Für die bei uns nicht stattfindende Debatte über die Folgen lang andauernden Kitaaufenthaltes gibt es interessante Befunde:
Die Kollektiverziehung hat die Menschen nicht geselliger gemacht. Sie haben später genauso viele Freunde wie die Kinder aus den Moschawim. Aber die Kinder aus den Kibbuzim sind ängstlicher und unsicherer gegenüber anderen, es gibt bei ihnen weniger enge Freundschaften. Negative Gefühle gegenüber Angehörigen der gleichen Altersgruppe (mit der man eng zusammenlebt) sind dreimal höher als bei gleichaltrigen Stadtkindern, die in der Familie aufwachsen. Bruno Bettelheim, so zitiert Zimmer, habe in seiner – umstrittenen – Studie von einer emotionalen Verflachung der Kibbuzniks gesprochen. Die Altersgruppe entwickelt auch keinen besonderen Zusammenhalt oder Solidarität. 18 Jahre Zusammenleben in der Altersgruppe, das reicht den meisten wohl, vermutet Zimmer.
Sicher kann man 18 Jahre Kibbuz nicht mit 2-3 Jahren Kita vergleichen, aber in der Tendenz weisen die Untersuchungen in dieselbe Richtung wie die Kita-Forschungen in Nordamerika und der DDR.