50 Jahre nach Picht: Bilanz der Bildungsreform

Der emeritierte Politikwissenschaftler und frühere bayrische Kultusminister Hans Maier hat in einem ganzseitigen Artikel in der FAZ (15.9.2014, p. 6) die 50 Jahre Schulentwicklung seit Georg Pichts Ausrufung des Bildungsnotstandes im Jahre 1964 bilanziert.

Da ist vor allem die quantitative Dimension: Nach 150 Jahren niedriger Abiturientenquote (ca. 4 %) sei die deutsche Bildungselite auf 30 – 40 % eines Jahrgangs angewachsen. Zu danken sei das nicht zuletzt der Schaffung weiterführender Schulen außerhalb der Städte, auf dem Land. Es wurden mehr Schulen gebaut, Es wurden Schulgeld- und Lernmittelfreiheit sowie Fahrtkostenerstattung für den Schulweg eingeführt.

Mein Gott, das habe ich alles noch erlebt: Das Schulgeld wurde gerade abgeschafft, der lange Schulweg vom Dorf in die Stadt. Die Monatskarte zahlten die Eltern, nicht das Schulverwaltungsamt, ebenso die Schulbücher.

Die autoritäre Schulverfassung und auch obrigkeitsstaatliche Elemente des Unterrichts, das Katheder, die Körperstrafen, die Abwehr von Diskussion und Schülerfragen, die starren Stoffkanons seien abgeschafft worden.

Mit dem Stahllineal wurde auf die Finger gehauen. Mein Grundschulrektor hatte einen Spezialgriff: Zwischen Zeige- und Mittelfinger klemmte er eine Wange ein und zog den Delinquenten so zum Lehrerpult, wo das Lineal lag.
Die SMV – Die Schüler-Mit-Verwaltung – wurde gerade eingeführt. Als Student habe ich dann an einem Entwurf für ein Schulgesetz mitgearbeitet.  Aus der Anstaltsordnung sollte eine demokratische Schulverfassung werden.

Die Verbreiterung der “Bildungselite” hatte nicht zuletzt demokratiestabilisierende Auswirkungen. Zur Bildung gehörte auch die politische Bildung (Mayer hat zur Geschichte des politischen Unterrichts ein wichtiges Buch geschrieben; GS) Zu politischen und Verwaltungsämtern hatte nicht länger nur die frühere schmale Bildungselite Zugang.

Neben den Gewinnen der Bildungsreform sieht Maier aber auch Probleme. Die gewaltige Steigerung der Abiturientenzahl hatte “Nebenfolgen” für  die Universitäten. Anders als in anderen Ländern studiert in Deutschland die große Mehrheit der Abiturienten. So wurde der Numerus Clausus eingeführt und die Lehre, die Bologna-Reform eingeschlossen, verschult. Vernachlässigt wurde das berufliche Schulwesen, es ging bei Picht, auch später bei Dahrendorf, ausschließlich um Gymnasien, Abiturienten und Studenten.

Maier bedauert, dass grundlegende Probleme der Steuerung des Bildungswesens heute nicht mehr diskutiert werden. Vor allem aber beklagt er, dass sich die Sicht auf die Schule verändert hätte. Sie sei rigoros in den Dienst des Lebens, der Zukunft gestellt worden und habe ihr pädagogisches Eigenrecht verloren. Statt um die Muße (schola!) gehe es um die Nützlichkeit. Jedes Fach müsse diese nachweisen: “Was bringt´s?” Der Satz “Wir lernen nicht für die Schule, sondern für das Leben” klinge nur vordergründig gut. Über der Ausrichtung auf die Zukunft seien die Gegenwart der Schüler, der soziale Umgang, das zwecklose Lernen, der einmalige pädagogische Moment verloren gegangen.

Die heutige Schule müsse als Gegenpol zu Bild und Ton, zu den Medien, das Sprechen, Denken, Begreifen und Unterscheiden in den Mittelpunkt stellen.

Ist Googlephobie eine Neurose?

In dem angesehenen britischen wirtschaftsliberalen Magazin Economist ist gerade ein Artikel erschienen, in dem die deutsche Kritik an Googles Datensammelwut als Phobie bezeichnet wird, die es so nirgendwo anders auf der Welt gäbe. Es sei richtig, Google für spezielle Verstöße zu maßregeln. Aber die deutsche Kriitk sei neurotisch und schade dem Land. “VERBOTEN” ist das erste Wort des Artikels.

Im Aufsichtsrat der Economist Group sitzt Google-Vorstandsvorsitzender Eric Schmidt.

22. Hessischer Schulbibliothekstag 2015 in der Europäischen Schule Bad Vilbel

Der 22. Hessische Schulbibliothekstag der LAG Schulbibliotheken in Hessen wird am 21. 3. 2015 in der Europäischen Schule in Bad Vilbel bei Frankfurt/M stattfinden.

Die Europäischen Schulen sind als Schulen für die Kinder der Mitarbeiter/-innen in EU-Einrichtungen entstanden. Sie führen vom Kindergarten bis zum Abitur und haben einen exzellenten Ruf. Ihr Modell der Sprachenfolge ist sehr ambitioniert. Das Europäische Abitur wird in ganz Europa und in den USA anerkannt. Namen von Ex-Schülern gefällig? Ursula von der Leyen, Florian Henckel von Donnersmarck, Boris Johnson, OB von London, Thomas Rabe, Vorstandschef der Bertelsmann AG. 25.000 Kinder werden in 14 Schulen unterrichtet.

Tom Zijlstra, den Direktor der Bad Vilbeler Schule habe ich bei einer Besichtigung der Europäischen Schule in Frankfurt am Main kennen gelernt, die ich für den Arbeitskreis “Schule-Wirtschaft” organisiert hatte. Damals war er dort Schulleiter.

Wegen der gewachsenen Zahl der EU-Mitgliedsländer und der daraus folgenden Zunahme der EU-Mitarbeiter platzen die Schulen aus allen Nähten. Die Aufnahme von Schülern von außerhalb findet nicht mehr statt. Inzwischen gibt es zehn private EU-Schulen, die sich selbst finanzieren müssen. Sie unterrichten nach demselben Modell, verlangen aber höheres, nach Einkommen gestaffeltes Schulgeld. Die Schule in Bad Vilbel ist eine solche Neugründung. Sie unterliegt zwar den strengen EU-Richtlinien, hat aber mehr Freiheiten, kann sich z. B. die Lehrer selbst aussuchen.

Ich habe mehrfach, im Buch, in Vorträgen und im Blog auf die Bedeutung des Raumes für Lernerfolg und Lernmotivation hingewiesen. Daher freut es mich besonders, wenn ich diesen Satz von Tom Zijlstra lese: “Eine solche Schule kann nur ein Erfolg werden, wenn das Gebäude phantastisch wird. Wir wollen die Schüler nicht verwöhnen, aber wir wollen ihnen Respekt zollen.” (nach FAZ v. 13.9.14, p. C 1)

Muss ich noch erwähnen, dass sowohl Frankfurt als auch Bad Vilbel hervorragende Schulbibliotheken haben und mit Renate Kirmse eine engagierte Schulbibliothekarin, die von Frankfurt nach Bad Vilbel wechselte?

 

Berichte aus Schulbibliotheken?

In der hessischen LAG treffen sich der Vorstand und oft auch ausgewählte Gäste für ein kurzes Wochenende (Freitagnachmittag und Samstagvormittag) zur Klausurtagung in einem Tagungshotel in Mittelhessen. So kann man sich einmal im Jahr in Ruhe austauschen und auch am Abend ein Glas Wein zusammen zu trinken. Wir holen uns Anregungen von außen, erörtern Ideen, planen die Wettbewerbe und Schulbibliothekstage, setzen Schwerpunkte für die Vorstandsarbeit des kommenden Jahres. Jeder Vorständler übernimmt Hausaufgaben. Ein Jahr später auf der neuen Klausurtagung können wir bilanzieren, was klappte und was nicht.

Die Idee, die Mailing List durch einen Newsletter abzulösen, stammt von einer Klausur. Die Teilnehmerzahl hat sich leicht erhöht.

Erfolgreich war auch die Idee, die Mitgliederversammlung mit einer kostenlosen Fortbildungsveranstaltung zu verbinden. Die Teilnehmerzahl hat sich kräftig erhöht!

Was nicht klappte, war der Aufruf an die Mitglieder, von der täglichen Arbeit, den Aktivitäten und Ereignissen in ihren Schulbibliotheken zu berichten

Wir hatten uns vorgestellt, das es sinnvoll wäre, wenn wir uns gegenseitig informieren, was so alles in der Schulbibliothek passiert. Man holt sich Anregungen. Wir haben bei den Wettbewerben zur “Schulbibliothek des Jahres” gesehen, was für tolle Sachen stattfinden. Wie oft ist das, was in der Bibliothek passiert, unsichtbar, oft sogar in der eigenen Schule, für das Kollegium, für die Schulleitung. Solche kleinen Berichte können dann auf der Schulhomepage oder in der Lokalzeitung stehen – wie das mit den Beiträgen fü die Wettbewerbe geschehen ist -, sie können auf der LAG-Homepage und im Schulbibliotheksblog stehen, ein Mehrfachnutzen also.

Unser Aufruf fand keine Resonanz. Ist es das bekannte Problem, dass die nebenamtlichen Lehrer/-innen keine Zeit dafür haben, weil sie die Arbeit sowieso schon auffrisst und die ehrenamtlichen Eltern zwar gerne einen Part in der Bibliothek übernehmen, aber darüber hinaus keinen Zugang zur LAG oder dem hessischen Schulbibliothekswesen finden?

Da ich mit dem Basedow1764 eine ziemliche Autonomie genieße, könnte ich mir auch vorstellen, “außerhessische” Schulbibliothekberichte – Ein ganz normaler Tag, eine Lesung, ein Lesefest, ein Unterrichtsprojekt, ein Experiment, ein überraschender Besuch – als Gastbeiträge zu veröffentlichen. Sollte die tiefere Ursache für das Ausbleiben sein, dass ein materieller Anreiz fehlt, könnte auch das überdacht werden – die nächste Klausur naht -. Ein kleiner Preis, ein Büchergutschein könnte unter Einsendungen verlost werden, eine Broschüre mit Berichten könnte entstehen.

 

3-D-Drucker in jede Schule!

Wie schnell aus einem Tiger ein Bettvorleger werden kann, ist an der Piratenpartei sichtbar. Dieser Liebling des Feuilletons und der Computernerds wollte die parlamentarische Demokratie durch Software ersetzen. Was ich zuletzt von den Piraten hörte war, dass sie sich stark machten für Feuerwerk auf Stadiontribünen und das Verbot für die Polizei, dies zu filmen. Ein Berliner Abgeordneter der Partei steht vor Gericht, weil er den Faschismus damit bekämpfte, dass er Neonazis zusammenschlug. In Berlin-Friedrichshain sorgten sie dafür, dass Toiletten in öffentlichen Gebäuden um eine dritte bereichert werden müssen, für geschlechtlich nicht festgelegte Menschen, von denen es in Deutschland ca. 17.000 geben soll.

Im Brandenburger Wahlkampf macht es gerade Spaß, sechs Wochen lang durch Wahlplakatalleen zu fahren und die Sprüche darauf zu lesen und die geschönten Porträts zu bewundern. Die Piraten bäumen sich noch einmal auf und hängen sich an die Parolen anderer Parteien an: Mehr Lehrer, kostenloser öffentlicher Nahverkehr, keinen Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche. Ein origineller Gedanke ist dabei, würdig einer Nerdpartei: 3-D-Drucker in jede Schule!

Die öffentlichen Bibliotheken wird es nicht amüsieren. Sie glauben gerade, sich durch Makerspaces mit 3-D-Druckern zukunftssicher zu machen.

Digitales Tutorial… (Nachbemerkung)

Die beachtliche Klickrate, die mein Hinweis auf das “Digitale Tutorial zur Vermittlung von Informationskompetenzen für Abiturienten” hat – 193 in 48 Stunden – erstaunt mich. Ist es die nicht enden wollende Suche nach dem endgültigen Super-Mega-Tool zur Vermittlung von Informationskompetenzen? Denn in der Praxis sieht es düster aus. Da werden Referate gekauft, von Schule zu Schule weitergegeben, es wird abgeschrieben, was das Zeug hält, Meinungen als Tatsachen ausgegeben, statt präziser Quellenangabe steht “Google”. Bei der Präsentation werden die Highlights der Software Canvas, Prezi oder Powerpoint vorgeführt, im Thema steht der oder die Vortragende nach der Copy-and-Paste-Orgie aber nicht.

Wie sollen 15- oder 17jährige Webseiten evaluieren, wenn sogar erwachsene Journalist/-innen nur zeigen oder wiedergeben, was ihnen Hamas-Pressereferent/-innen oder das russische Staatsfernsehen vorsetzen? Die Evaluationskriterien, die man den Schülern anbietet: Zeitnahes Datum, Impressum, Updates, Rechtschreibfehler(!), zuverlässiger Autor oder seriöse Institution sind entweder nicht zielführend oder schwer zu beurteilen. Um beim Ukrainekrieg zu bleiben: Wie vermag ein Zehntklässler zu erkennen, wie er die Expertise des Ost-Instituts Wismar einzuschätzen hat, das von der Tagesschau-Redaktion gerne befragt wird.

Angesichts der hohen Klickrate sehe ich noch ein ganz anderes Problem: Das Verständnis von Unterricht, das in vielen gesellschaftlichen Kreisen vorherrscht. Ist es die Vorstellung, dass jeder Schüler, jede Schülerin hoch konzentriert und motiviert ein Handbuch durcharbeitet und dann seine Präsentation erstellt? Besteht Unterricht darin, dass der Lehrer – sofern er sich rechtzeitig in die Belegungsliste eingetragen hat oder der Computerraum frei ist oder der Laptopwagen voller funktionierender, aufgeladener Laptops – den Schülern aufgibt, das Tutorial durchzuarbeiten und dann im Lehrerzimmer Kaffee trinken geht? In der US-amerikanischen Schulbibliotheksszene wird vom “Flipped Classroom” geschwärmt: Man erarbeitet sich das Grundlagenwissen zu Hause, im Unterricht wird dann diskutiert oder angewendet.

An Eliteschulen mag das alles funktionieren, an “Normalschulen” würde ich mich nicht darauf verlassen, dass meine Schüler sich zu Hause beigebracht haben, wie man ein gutes Referat erarbeitet. Schon die Erwartung, dass eine Doppelstunde lang jeder für sich ein Handbuch durcharbeitet, ist optimistisch.

Aber es wäre auch ein fundamentales Missverständnis von Unterricht, so zu handeln. Eine Schulklasse ist etwas anderes als eine Gruppe von Mönchen, die in einem Refektorium von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang schweigend Texte kopiert. Im Unterricht agieren Schüler und Lehrer miteinander. Der Lehrer moderiert nicht, sondern er informiert, er macht vor, gibt Beispiele, Schüler arbeiten in Gruppen oder einzeln an einer überschaubaren Aufgabe, Ergebnisse werden präsentiert, besprochen, Fragen beantwortet. Es werden kurze Lehrgänge eingeschoben, in denen gezeigt wird, wie man korrekt zitiert und bibliographiert. Es wird Merkblätter und Arbeitsblätter geben, ein Fragebogen wird dazu anhalten, über den Rechercheprozess zu reflektieren.

Wer diesen Prozess unterrichtet wird übrigens schnell feststellen, dass das Hauptproblem nicht darin liegt, Informationsquellen zu suchen und zu finden, sondern an ganz anderen Ecken Probleme entstehen: Einen Sachverhalt mit eigenen Worten wiedergeben, zwischen einer Meinungsäußerung und Sachinformation unterscheiden zu können, einen Text zusammenfassen zu können. Wer der Lehrererfahrung nicht glauben mag: In ihrer Dissertation hat Nathalie Mertes genau dies auch festgestellt.

Dass Präsentationspüfungen, Hausarbeiten und Referate umso besser gelingen, je früher man damit beginnt, nicht erst im Craskurs kurz vor dem Abitur, ist auch kein Geheimnis.

Dies im Hinterkopf habend, empfehle ich jedem Lehrer, der seinen Schülern Informationskompetenzen beibringen will, das Tutorial dankbar zu lesen und zu überlegen, wie er daraus Unterricht macht.

- Siehe im Blog u. a. hier und hier!

Der Lehrerfreund: Sinnvolle Internetrecherche

OECD findet wieder Haare in der Suppe

Die seit 40 Jahren andauernde Kritik der OECD-Bildungsexpert/-innen am deutschen Bildungssystem ist neuerdings unter lobenden Worten versteckt. Jetzt hat man entdeckt, dass anderswo mehr Aufstieg über Bildung stattfindet als in Deutschland. In USA studieren 83% eines Jahrgangs, in Deutschland unterdurchschnittlich ca. 40%. Auch wenn die OECD nach jahrelanger Nichtbeachtung inzwischen die duale Berufsausbildung akzeptiert, heißt ihre Losung: Studium, Studium, Studium!

Wenn in einem Land Krankenpfleger und Zahntechnikerinnen für ihren Beruf studieren müssen, zählt das in der Statistik als Aufstieg durch Bildung. Aber eben nicht in Deutschland, wo diese Berufsausbildung (noch) nicht an einer Hochschule stattfindet.