Man kann in diesen Zeiten nicht nur über Schulbibliotheken reden. Da bin ich mit Brecht einverstanden. (Nicht einverstanden bin ich mit der Art und Weise, wie er sich ein Häuschen in Buckow beschafft hat. Da hat er früh praktiziert, was die SED-Kader, zuletzt mit Hilfe von Dr. Vogel, auch gemacht haben.)
In Potsdam gibt es seit einigen Wochen eine Montagsdemonstration gegen die rot-rote Koalition. Die ist inzwischen von 400 Teilnehmern auf 60 zurückgegangen. Was bei den Temperaturen verständlich ist.
Bemerkenswert ist der Umgang mit diesem Häuflein Protestanten: Die Zeitungen melden mit Schlagzeilen wie: “Diesmal nur noch 60!” Ein Journalist schaffte es, in seinem kurzen Text gleich zweimal darauf hinzuweisen, dass die Kundgebung eine CDU-Erfindung sei. Gegendemonstranten aus der sog. “linksalternativen” Szene mischen sich darunter. Sie skandieren das Wort “Demokratie” in einem höhnischen Sprechgesang; Kapuzenmänner, die begleitenden Mädchen halten die Bierflasche. Einem Redner, einem Stalinismusopfer, raten sie im Chor, sich doch wieder in die “Leistikowstraße” zu begeben (Wo der KGB ein Gefängnis hatte). Wenn sie dann keine Lust mehr haben, ziehen sie rempelnd ab in ihren linksalternativen Jugendtreff.
Ein eher belustigendes Intermezzo: Eine Kehrmaschine der Stadtreinigung, kommt – lange nach Dienstschluss – herangebraust, klapt den Besen herunter und fährt mit Getöse vor den Demonstranten auf und ab. Man versteht die Redner nicht mehr. Dann wird der Besen wieder hoch geklappt und der Fahrer braust davon, genau wie bei der Herfahrt ohne noch irgendwo anders zu kehren.
Ministerpräsident Platzeck fallen die iranischen Revolutionswächter ein, wenn er Kritiker seines Versöhnungsprojektes meint.
Jetzt gibt es schäumende Leserbriefe, in denen nach dem Staatsanwalt gerufen wird, weil ein Kundgebungsteilnehmer ein Schild mit der Aufschrift “Sta(z)is raus!” trug.
Der Vergleich des Sozialismus mit dem Nationalsozialismus ist so tabu wie in USA das F… – Wort. Das wird in nahezu jedem Leitartikel, in jeder Diskussion gebetsmühlenhaft bekräftigt.
Der frühere Finanzminister Speer (SPD) hat den Vorschlag, beide Ideologien und deren Diktaturpraxis zu vergleichen, aus einem brandenburgischen Lehrplanentwurf streichen lassen. Stattdessen wird den Geschichtslehrer/innen in einem Flyer des Lehrerfortbildungsinstituts empfohlen, BRD und DDR zu vergleichen, die Frauenemanzipation etwa oder den Umgang mit dem Nationalsozialismus.
Schade eigentlich. Auch in diesem Vergleich können ja Unterschiede herausgearbeitet werden. Aber das ist manchen zu heiß. Es könnten wohl auch Ähnlichkeiten festgestellt werden:
- Die zwischen der staatlichen Hitlerjugend und der staatlichen FDJ etwa.
- Die Überwachung der Bevölkerung durch das MfS war intensiver als durch SD und Gestapo. Da würde ein Vergleich schon Unterschiede erkennen lassen. Der Weg zum kommunistischen Paradies musste der Bevölkerung ungleich stärker aufgezwungen werden als der Glaube an den Führer. Lenin hatte über das Tor des KZ Solowki schreiben lassen: “Lasst uns mit eiserner Hand die Menschheit ihrem Glück entgegen treiben!” Meines Wissens hatte der SD auch keine eigene Hochschule, wo man mit seinen “Fallgeschichten” Doktor jur.” werden konnte.
- Was Meinungs- und Pressefreiheit angeht… Da ist wohl nur Frau Dr. Enkelmann, die einmal als PDS-Ministerpräsidentin für Brandenburg im Gespräch war, der Auffassung, dass man nirgendwo so frei diskutieren konnte wie in ihrem Staatsbürgerkundeunterricht und auf der FDJ-Akademie in der Schorfheide. (Die Abhörgeräte im Keller fielen erst nach der “Wende” auf”.) Da war mein Geschichtslehrer, der eine Adolf-Hitler-Schule besucht hatte, weniger heuchlerisch.
- Es könnte der Sozialismus im Nationalsozialismus erkannt werden. Dass es ein “25-Punkte-Programm” der NSDAP gab und den Nationalbolschewismus. Es ist kein Zufall, dass bei der Linken (nicht nur der Partei “Die Linke”) lieber von Faschismus statt Nationalsozialismus gesprochen wird. Da steckt dann gleich alles drin, was rechts vom Sozialismus steht: Die Weimarer SPD, das waren “Sozialfaschisten”, der antifaschistische Schutzwall, die kapitalistische BRD, Israel …
- Beide Ideologien verstanden sich als “Bewegungen” mit quasireligiösem Charakter. Mit bürgerlichem Parlamentarismus und demokratischen Parteien hatten beide nichts im Sinn. Ihnen ging es um Kollektive: Volksgemeinschaft bzw. Arbeiterklasse. Nach der “Wende” bekommt man den Eindruck, dass die DDR ein Mehrparteienstaat gewesen sein muss. Wenn man ihr mehr Zeit gelassen hätte, wäre das noch ausgeprägter geworden. Da werden Reste des DDR-Parteienvermögens an (Musik-)schulen verteilt. 98,5% dieses “Parteienvermögens” gehörten der SED und ihren Massenorganisationen. Gerne wird heute von Dr. Gysi und anderen die Mitschuld der Blockparteien und deren mangelnde Selbstkritik ins Feld geführt.
- Wer sich über Lenins erstes KZ in Solowki und den GULag informiert, könnte die Nazis für Adepten halten. Solowki wurde 1920 Lager. Und es ging auch schon um physische Vernichtung. Lenin hat Tausende von Popen töten lassen. Von Stalins Terror wird man schon gehört haben.
Warum eigentlich ist der Vergleich so tabuisiert? Wovor hat wer Angst? Auschwitz wird doch damit nicht relativiert!
Treiben wir das Vergleichen auf die Spitze: Frage an Radio Eriwan: “Was ist Kapitalismus?” Antwort: “Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.” Und Kommunismus?” “Das Gegenteil!”










